Die neue Freitagskolumne // Riemers CulTour #1: Kunst, Kultur und … Entscheiden – warum und wofür?

In meiner wöchentlichen Kolumne Riemers CulTour will ich Beobachtungen aus Gesellschaft, Bildung, Kultur und Politik auf den Punkt bringen und zum Nachdenken anregen.

Andere Standpunkte als herkömmliche Ansichten helfen den eigenen Blick zu schärfen und sich eine Meinung zu bilden. Das ist in Umbruchzeiten ganz besonders wichtig. Dann sind auch passende Taten möglich, die dem Denken immer folgen müssen. Ich will das pointiert und konkret tun. Für meinen ersten Beitrag habe ich mir die anstehenden Wahlen in Deutschland ausgesucht. Keine Angst – ich gebe natürlich keine Wahlempfehlung. Das steht mir nicht zu. Doch will ich die Wahlen in einen größeren Zusammenhang einbetten und mit Kunst und Kultur verbinden – das ist ja das Hauptaugenmerk von CULTURA.

Wir stehen in Deutschland und in Europa vor wichtigen Ereignissen – und ich schreibe dies als Österreicherin, die seit gut fünf Jahren in Berlin lebt. Wahlen sind eines dieser Ereignisse. Die gab es 2017 ja bislang zur Genüge. Nun lächeln viele gerne über Wahlen, sie hätten ja mit ihrer Stimme „eh“ keine Chance das Große zu beeinflussen. Ich halte das für eine grobe Fehleinschätzung – der Brexit ist ein bereits beredetes Beispiel für nicht ausreichende Information. Insbesondere bei jungen Menschen und für eine Wahlgleichgültigkeit. Ich will nicht schreiben, dass man das generalisieren kann. Nein. Doch eine breit grassierende Wahlmüdigkeit und ein gleichzeitiger Zorn auf „die da oben“ lässt sich nicht leugnen.

Viele haben jedoch vergessen, dass „die da oben“ vom Volk dazu bestellt wurden. Wer also verweigert, darf sich nicht wundern, dass nicht die nach oben kommen, die man sich wünscht. Nein – es gibt keine Garantie dafür, dass die bevorzugte Partei mit ihren Vertretern nach oben kommt und dann auch noch das tut, was sie versprochen hat. Das zu glauben ist naiv und Illusion. Gleichzeitig – wer nicht mitmacht, darf sich nicht wundern und gar hinterher schimpfen. Nein – natürlich gebe ich keine Wahlempfehlung ab. Das bleibt jedem selbst überlassen.

Wahlen haben immer auch mit den Möglichkeiten von Kunst und Kultur zu tun. Sie mögen beim Lesen die Augenbraue gerne heben. Das gestehe ich Ihnen unumwunden zu. Mir fallen ein paar konkrete Fragen zu diesem von mir hergestellten Zusammenhang ein:

Welche kulturellen Akzente werden künftig gesetzt? Wie frei ist man damit als Künstler in der Meinungsäußerung? Wie frei ist man damit als Künstler in der Eigendarstellung? Welche Themen werden beachtet und gefördert? Das lässt sich fortsetzen und manches will ich gerne Ihrer Fantasie überlassen.

Wahlen sind also nichts ausschließlich Parteipolitisches. Nein – sie sind der Ausdruck der und des Einzelnen, wie es mit dem Land und der Gesellschaft weitergehen soll, nicht nur, jedoch auch mit Kunst und Kultur, denn beide hängen ja nicht irgendwie in der Luft, sondern sind Teil unseres jeweiligen gesellschaftlichen Selbstverständnisses und Ausdrucks.

So platt es klingt – natürlich zählt jede Stimme. Wie oft haben sich Parteien schon verspekuliert und nur um ganz wenige Stimmen eine Richtungsentscheidung verloren?! Siehe Brexit und wenn Sie ein wenig in der jüngeren Geschichte graben wollen – Sie werden sicherlich fündig.

Wir leben in turbulenten Zeiten. Nun auch das mag platt klingen und je nach Altersgruppe mag man diese Turbulenz unterschiedlich wahrnehmen. Je jünger man ist, umso selbstverständlicher ist der dauernde Wandel. Umso älter man ist, umso eher neigt man dazu Veränderung als Unruhe zu empfinden. Auch Stabilität ist ein oft gehegter Wunsch. Doch was ist Stabilität? Bewegung innerhalb einer bestimmten Schwankungsbreite? Ruhe und Sicherheit? More of the same? Gut und angenehm leben können? Weiter wie bisher? Moderate Veränderungen?

Es sind oft Worthülsen und Illusionen, denen wir aufsitzen. Wenn ich immer wieder frage, was denn z.B. Sicherheit für die und den Einzelnen bedeutet, dann erhalte ich oft ein Staunen und irgendwelche Antworten, die nichtssagend sind. Wen wundert es dann, wenn nichts Konkretes rumkommt. Garbage in – Garbage out … sagt man so schon in der IT-Sprache … lässt sich auch gut auf das Leben anwenden.

Künstler und Intellektuelle haben in meinem Verständnis die Pflicht gängige Konzepte immer wieder zu dekonstruieren, sie in ihre Einzelteile zu zerlegen, diese anzusehen und dann – eventuell auch unter Hinzunahme von neuen Teilen – wieder zusammenzusetzen – kritisch, hinterfragend, durchaus kreativ zerstörend und verstörend – doch immer mit der Ambition etwas Besseres für das große Ganze anzubieten.

Was hat das mit den bevorstehenden Bundestagswahlen zu tun? – werden Sie nun fragen. Eine ganze Menge. Es wird von Ihnen abhängen, wie groß Ihr persönlicher und künstlerischer Spielraum für die kommenden Jahre sein wird. Es wird von Ihnen abhängen, wie innovativ, wie offen, wie bunt, wie vielfältig die Kunst und Kulturlandschaft sein wird – jenseits der vielzitierten staatsbürgerlichen Pflichten. So wie Kunst und Kultur eine Herzensangelegenheit ist, ist auch das Wahrnehmen des Wahlrechts eine Herzensangelegenheit. Kunst und Kultur sind kein Luxus, sondern genau das, was wir heute in diesem Gravierenden brauchen. Als Nahrung für Geist und Seele, konkret und umsetzbar, als kritisches Gewissen einer Gesellschaft.

Schon vergessen? Es ist Zeit sich auch daran zu erinnern, jenseits des Wahlkampfhypes, der Links-und-Rechtsbrüllereien mancher Gespenster, die herbeizitiert werden und manch sonnige Versprechen, die noch immer abgegeben werden.

Bleiben Sie mir gewogen – Ihre Andrea Riemer

Andrea Riemer ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Sie befasst sich in ihren Arbeiten mit existentiellen Themen und verbindet diese mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen. www.andrea-riemer.de

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