RIEMERS CulTour #2 Kunst und Bildung – zwei Luxusprodukte?

RIEMERS CulTour #2 Kunst und Bildung – zwei Luxusprodukte?

Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage – sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“ Nikolaus Harnoncourt, einer der ganz großen Dirigenten und Humanisten, ist der geistige Vater dieser Worte.

In Zeiten des Umbruchs frage ich mich immer wieder, als Schriftstellerin und Intellektuelle, welche Rolle Kunst und damit im weitesten Sinn auch Bildung heute spielt und ob sie ein Luxusprodukt ist, das einigen wenigen Auserwählten vorbehalten ist. Nun sind Kunst und Bildung, ja wie die Seele, ein sehr weites Land. Doch ist Kunst eine hübsche Zuwaage, ein Hobby, das man so irgendwie ausübt oder konsumiert, wenn es einem nicht gut geht oder wenn man sich ausleben will? Ist Kunst etwas, das hauptberuflich ein paar wenige SpinnerInnen und Weltenflüchtende tun? Sind sie der Welt damit abhanden gekommen? Erzeugen sie damit einen eigenen Kosmos? Was tut die Gesellschaft mit diesem Kosmos? Geht es dabei nicht vielmehr um ein sich zeitweiliges Einlassen auf diesen Kosmos? Was tut man mit der ungeheuren Angebots- und Informationsvielfalt? Usw.

Ich stelle diese Fragen, weil ich vernehme, dass eine gewisse Ungebildetheit ebenso schick geworden ist, wie eine Distanz zu Kunst, die auch geistig hereinfordert. Wir und die – die Polarisierung in einer komplexen Welt – besser flüchten und die, die Wissen erworben haben, die sich exponieren und den Blick über den Tellerrand regelmäßig tun, die tritt man in die große Tonne. … Ach, das macht ja Muskelkater im Gehirn, wenn man da einen näheren Blick hinmacht, gar sich einlässt und damit befasst!

Ich stelle diese Fragen, weil ich wahrnehme, dass es ein regelrechtes Bildungs- und Kunstbashing gibt. Dies sind keine individuellen Hie- und Daphänomene, sondern dies sind in unserer Gesellschaft tief verankerte Phänomene. Ja – es gilt als schick und hipp, dagegen zu sein und Menschen als Spinner abzutun und zu marginalisieren. Das gilt insbesondere dann, wenn Gesellschaften in großen Umbrüchen sind und sich ein breites Gefühl von Unsicherheit breit macht. Es geht um’s Überleben – da ist die Kunst eine schöne Zuwaage – und die Bildung sowieso. Wir haben Wichtigeres zu tun … Wenn dann Entertainment. Den deutschen Begriff der Unterhaltung bringt man schon schwer über die Lippen. Und – man koppelt es mit Infotainment. Alles muss locker, flockig, leicht sein. Es ist ja „eh“ schon alles so kompliziert. Und lebenslanges Lernen, geh – nein danke – zu stressig, wenn es um die konkrete Umsetzung geht.

Ich meine mit meiner pointierten Haltung vor allem jene, die grundsätzlich Qualitätsveranstaltungen als etwas ihre Existenz gefährdendes ansehen, die Kunst in jeglicher Form als etwas beurteilen, das man locker und sofort einsparen kann und für die Kunst das Feuerwehrfest und der Kirchtag sind. Ich will diese Veranstaltungen nicht schlecht reden. Sie sind wunderbar und unterhaltsam. Sie sind jedoch nicht notwendigerweise Kunst, sondern Unterhaltung. Natürlich soll und darf auch sie sein. Doch bitte nicht mit Kunst vermischen, auch wenn die Grenzen gelegentlich fließend sind. Ja – sich da und dort mal einen Vortrag anhören – und danach meinen, man kann die Welt damit erklären … warum nicht?! Die Praxis zeigt es dann schon.

Gesellschaften, die wachsen, die sich ausweiten und entwickeln wollen, brauchen ein solides Bildungs- und Kunstfundament. Das ist die Hereinforderung für uns alle. Ich meine damit, wir sind hereingefordert konkret zu tun – nein, nicht herausgefordert! Die Menschheitsgeschichte beweist dies mit zahllosen Beispielen. Dabei meine ich nicht ausschließlich das, was man gemeinhin als Hochkultur und als Exzellenzinitiativen bezeichnet. Nein – es geht nicht nur um Zahlen, Daten und Fakten – ja auch. Es geht um die Gesamtheit, die vermittelt wird, um Literatur, Malerei, Musik, Bildhauerei, Performance, Schauspiel, Oper, Pop, Digitalkunst, Videos, Filme – und alles bildungstechnisch fundiert. Es geht um die vielzitierte Holistik in unserer Spezialistengesellschaft, die einen verengten Blick fördert. Es gibt sowohl Anti-Bildungs- als auch Anti-Kunstnerds. Bei manchen stelle ich eine regelrechte Bildungs- und Kunstallergie fest, die durch Beispiele in öffentlichen Aufgaben noch zusätzlich gefördert und gefestigt wird.

Es braucht Bildung und Offenheit für Kunst und jede Gesellschaft lebt in ihrem Wachstum im Sinne einer inneren Ausweitung davon. Beides ist oft nicht in Zahlen, Daten und Fakten messbar. Vielleicht im Auftreten, im Denken, im Zugehen aufeinander, in der Offenheit für den Anderen und das Andere – jedoch kaum in Bilanzzahlen.

Kunst und Bildung sind keine Luxusprodukte, denn wir leben in einer Phase, wo die Seele und das Herz immer wichtiger werden und der Verstand entlastend auf seinen eigentlichen Platz gestellt wird. Dann ist auch der innere Ausgleich möglich. Kunst hat dabei ebenso eine ganz wesentliche Rolle, wie Bildung. Sie öffnen neue Horizonte. Sie geben Bekanntem einen neuen Raum. Sie sprechen Menschen an, die bislang außen vor standen. Sie inspirieren und sie machen geneigt, auch mutig hinter bekannte Horizonte zu segeln. Dort liegen die Antworten von morgen auf die Fragen von morgen und übermorgen.

So kann es gut sein, dass Kunst gemeinsam mit Bildung die Welt in eine neue Richtung treibt und so zu ihrer Erlösung im Sinne eines inneren Wachstums beiträgt. Somit sind Kunst und Bildung unabdingbare Notwendigkeiten – und sicherlich keine Luxusprodukte.

Bleiben Sie mir gewogen – Ihre Andrea Riemer

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