Riemers CulTour #3: Die Kraft der Stille … Kreativität und Ruhe

Gerne will ich meine wöchentliche Kolumne dieses Mal mit einem Gedicht von R. M. Rilke beginnen.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Rainer Maria Rilke, 22.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Rilke gilt als einer der großen Poeten mit viel Tiefgang. Ich fühle mich ihm immer wieder sehr verbunden und seine Gedichte sind mir seit vielen Jahren Anregung auf meinem Weg. Dieses Gedicht, das an eine Person gerichtet ist, zeigt sowohl die Stille selbst als auch die Flüchtigkeit der Stille. Es zeigt auch die Essenz dessen, was wir – unbenennbar und unbeschreibbar – als Sein bezeichnen. Es ist das Natürlichste unserer menschlichen Existenz – und gleichzeitig das Unfassbarste, jedenfalls mit unseren Mitteln. Doch – es ist.

In einer Zeit, wo alte Strukturen mit Vehemenz brechen, wo viele Menschen orientierungslos sind, überinformiert und gleichzeitig unterwissend sind, wo gewohnte Sicherheiten wegbrechen und Hektik zu Chaos führt, ist die Stille besonders wichtig. Sie alleine ermöglicht es Klarheit über den nächsten Schritt zu erhalten. Nur der ist wichtig. Alles andere ist zur Zeit zum Scheitern verurteilt.

Als Schriftstellerin lebe ich quasi von der Kraft der Stille. Nun – der Weg in die Stille war gewiss kein leichter Weg. Wie viele war auch ich vom Außen viele Jahre getrieben und geblendet. Es gab nur ein Höher-Schneller-Weiter-Mehr … und noch mehr. Bis ich an der inneren weißen Wand anstand – und es gab nichts mehr, was ach so wichtig war. Das, was viele heute erleben, erlebte ich 2011/2012. Manchesmal hat es auch Vorteile, wenn man vor der sogenannten Zeit lebt …

Die Stille wurde mir nahezu aufgezwungen. Ich musste schlicht innehalten und die Stille und die Ruhe überhaupt erst erkennen. Viele Monate empfand ich sie als ein brüllendes Etwas, eine Kakophonie, die mich an den Rand der Verrücktheit trieb. Gleichzeitig erkannte ich den Wert dessen, das mir Jahrzehnte unbekannt und geliebt war.

Irgendwann erreichte ich einen Umkehrpunkt, wie Teilhard de Chardin diesen magischen Punkt, der durch nichts beschreibbar, sondern nur fühlbar ist. Und er fühlt sich für jede/n anders an. Es gibt also kein Rezept für diesen Omegapunkt, wie ihn de Chardin nennt. Man kann ihn auch nicht mit Strategie und Plan erreichen. Auch das durfte ich lernen.

Es ist die Mikrospalte zwischen Alt und Neu, zwischen Innen und Außen. Man darf diesen Punkt nicht verpassen, denn ansonsten wirft einen das Leben in eine völlig andere Bahn. Meistens ist diese Bahn dann unerwünscht.

Erkennen lässt sich dieser Punkt eben nur in der Stille, in der Ruhe. Nein – ich meine kein mönchisches Leben in Klausur. Ich meine damit ein proportionales, ein ausgeglichenes Leben, das Momente und Phasen des Innehaltens, der Ruhe, des Nichtstuns, der Stille ermöglicht. Diese Momente sind Orientierungsmomente. Dann können Geist, Körper und Seele sich beruhigen, frei vom Druck, vom Müssen, vom Außen. Sie werden regelrecht entlastet und können in sich selbst wieder auftanken. Viele neigen dazu, Geist, Körper und Seele bis zum Anschlag zu er-schöpfen. Dann geht eben keine Schöpfung mehr. Sie brennen aus und sind leer – emotional und physisch.

Leersein hat nur sehr am Rand etwas mit Stille zu tun. Erzwungenes Leersein ist immer deutlich weniger angenehm als bewusst gewähltes Leersein. Sich zu erbrechen ist deutlich unangenehmer als bewusst zu fasten. Das gilt auf allen Ebenen. Die Leere ist auch eine Voraussetzung, damit Stille eintreten kann. Eintreten … man muss sie schon hereinlassen.

Die wahren Antworten findet man nur im Innen. Alles was aus dem Außen kommt, ist bestenfalls Impuls.

Als Künstlerin habe ich einige Zeit gebraucht, um meinen persönlichen Rhythmus zu finden, den Rhythmus aus Stille und Dasein für mein Publikum, den Rhythmus aus sich inspirieren lassen und aus schreiben. Beides ist mir wichtig. Beides ist mir Kraftquelle. Beides ist mir Inspiration. Es ist die Bewusstheit im Wechsel zwischen Stille, Ruhe und einfachem Sein und der Präsenz bei Lesungen mit all meinen Fasern und Zellen aus Geist, Körper und Seele, mit Büchern, mit Essays, mit der Radiosendung SOULFOOD und mit dieser Kolumne. Das Leben im Außen ist Impuls. Das Leben im Innen ist meine wahre Quelle für Kreativität, für neue Ideen, neue Programme, neue Bücher, neue Zusammenarbeiten.

Oft erreicht man den Omegapunkt nur durch eine Krise. Auch das ist nicht zwingend, doch meine Erfahrung zeigt, dass Harmonie oft eine Form von Druck und Leiden braucht, bis man den wahren Wert dieser Harmonie erkennt. Es geht um ein harmonisches, bewusstes Wechselspiel – und das gilt für uns alle, ob KünstlerIn oder nicht. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es … frei nach Erich Kästner. Einfach mal ausprobieren. …

In diesem Sinne – bleiben Sie mir gewogen, Ihre Andrea Riemer

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Ein Kommentar zu “Riemers CulTour #3: Die Kraft der Stille … Kreativität und Ruhe

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