RIEMERS CulTour #4: Zur Veränderung

Die Wahlen in Deutschland sind geschlagen. Das Ergebnis lässt alles Mögliche an Konsequenzen zu. Konkretes ist offen. Das Referendum in Spanien zeigt auch den starken Impuls, dass es so nicht weitergehen kann. Dies sind nur zwei aktuelle Beispiele. Es gibt Tausende davon im Großen wie im Kleinen.

Diese Stimmung – es muss sich etwas ändern – so kann es nicht weitergehen – wird von jener – ach lasst uns doch so weitermachen wie bisher, es geht uns doch gut – konterkariert. Wenn ich frage: was meint Ihr damit – Veränderung oder Weitermachen wie bisher – dann erhalte ich stauende Augen und offene Münder. Das sei doch eh alles klar.

Nun – ich meine, es ist weder das eine noch das andere klar.

Viele haben nicht begriffen, dass das Leben – ganz platt – Veränderung ist. Wenn man Veränderung ist, dann muss man, frei nach Ghandi, Veränderung sein. Das klingt nach Binsenweisheit. Wer lebt bewusste Veränderung? Ich erlebe das immer wieder. Menschen sind durchaus bereit für Veränderung, doch keine/r will damit beginnen. Die Hoffnung, dass die Veränderung von außen auf einen zukommt, ist sehr weit und sehr tief verbreitet.

Damit ist das Scheitern schon vorprogrammiert. Die Kunst gilt als Vorreiterin für Veränderung. Sie persifliert, überzeichnet, dramatisiert, karikiert und zeigt in großen Bögen auf, was auch noch möglich ist. Sie nimmt sehr oft das auf, was sich die Politik – noch nicht – getraut hat. So sehe ich Kunst, als Botin für Veränderung. So sehe ich meine Arbeiten. Aufzeigen, Hinweisen, Einmahnen, geduldig wieder und wieder beschreiben, nie aufhören mit den Impulsen. Steter Tropfen höhlt den Stein…

Es reicht nicht, laut nach Veränderung zu schreien. Und es reicht auch nicht, zu bewahren. Das sind zwei gegensätzliche Pole. Und doch – im gelebten Leben, nicht im Labor, nicht in der geschützten Werkstätte – also, im gelebten Leben braucht es beide Pole. Es braucht Veränderung und es braucht Bewahrung.

Was meine ich damit?

Es gibt Phasen, wo moderate Veränderung möglich ist – unter gleichzeitiger Bewahrung des brauchbaren Vorhandenen.

Es gibt jedoch auch Phasen, wo die Entwicklung wie ein reißender Strom mit unzähligen Stromschnellen ist. Es ist eine Frage der Perspektive, wo man steht. Am Ufer, auf einem der Steine und Felsen im Fluss, auf einem Floß, auf dem man den Strom durchquert, ob man Passagier oder Steuerfrau/-mann auf diesem Floß ist.

Es gibt keine Pauschalantwort zur Veränderung. Wer die versucht zu geben, ist schon gescheitert, bevor sie/er den Satz ausgesprochen hat.

Was will ich damit schreiben? Wir leben in einer der aufregendsten Zeiten seit vielen Jahren. Wir leben, zumindest in Europa, in der längsten Friedensperiode seit Jahrhunderten. Wir leben vor allem in den vergangenen ca. 3 Jahren in der stärksten Migrationsphase in Europa. Wir leben, ebenfalls in Europa, in einer der heftigsten gesellschaftlichen Erodierungsphasen – Ende nicht in Sicht.

Wer meint, mit alten Methoden und Mitteln weiter tun zu können wie bisher, wird gnadenlos scheitern oder ist schon gescheitert.

Wer meint, alles gleichzeitig verändern zu müssen, wird ebenfalls brutal scheitern.

Wie geht nun die Lösung? Die Lösung ist, dass es keine Lösung gibt. Das mag verschrecken, ist jedoch so. Wir leben in einer Spalte zwischen Alt und Neu, in einem Niemandsland. Das Alte funktioniert nicht mehr oder nur mehr sehr eingeschränkt. Das Neue ist nur in Ansätzen oder noch gar nicht vorhanden. Das zu erkennen, ist der erste wesentliche Schritt. Das ist eine Form der Apokalypse, im Sinne einer Enthüllung und – für viele auch eine Ent-Täuschung. Sie fallen aus der Täuschung, alles ging so wie bislang weiter.

Nein – so ist es nicht. Wir dürfen lernen, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich und im Persönlichen auf Sicht zu fahren. Wir dürfen lernen, in eine starke Eigenverantwortung zu gehen. Die Hängematten werden immer weniger, in die man sich flüchten kann. Wir dürfen lernen, neue, kleine Gemeinschaften zu bilden. Aus der Eigenverantwortung heraus kann man auch anderen für einige Zeit helfen, ein Vorbild sein und eine Mitfahrgelegenheit anbieten.

Die großen Pläne haben jedenfalls ausgedient. Auch wenn Gesellschaften noch so laut schreien, auch wenn Gruppierungen gerne den starken Mann/die starke Frau hätten, auch wenn der Ruf nach Mutti noch so drängend ist … diese Rufe verhallen ungehört.

Wer Veränderung will – gleich in welchem Ausmaß, muss bei sich selbst beginnen. Wer Bestand will, wird erkennen müssen, dass das Alte nur mehr kurze Zeit und sehr eingeschränkt wirken wird. Dies in der Anerkennung zu verweigern, ist natürlich möglich, jedoch nicht sehr hilfreich.

Das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche – natürlich auch für die Kunst und die Kultur.

Willkommen in der Veränderungszeit. Eine andere gibt es nicht im Sortiment.

In diesem Sinne – bleiben Sie mir gewogen, Ihre Andrea Riemer

 

 

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