Riemers CulTour #5 – Begegnung zwischen Kunst und Wirklichkeit

Kunst gilt immer wieder als ein Weg, um Räume für Begegnung zu schaffen. Marina Abramovic, eine der ganz großen Performancekünstlerinnen, hat sehr schön in ihrem Projekt „The Artist is Present“ gezeigt, was Begegnung sein kann und wie sich Kunst und Wirklichkeit dabei ineinanderfügen. Sie saß während der Öffnungszeiten des MOMA in New York über einen längeren Zeitraum über 700.000 Menschen je 1 Minute gegenüber, schweigend und dem anderen in die Augen blickend. Sie können das auf YouTube mit einer ganz besonderen Begegnung sehen, mit ihrem ehemaligen Lebenspartner Uley, den sie 30 Jahre nicht mehr gesehen hatte und beide hatten eine traumatische Trennung hinter sich. Wenn man diese Momente der Wieder-Begegnung sieht, dann klärt sich vieles – ohne Worte.

Wahrhaft von Angesicht zu Angesicht – übrigens der Titel eines der bekannten Ingmar Bergmann-Filme – auch ein Meister, der Begegnung zu inszenieren wusste.

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ Diese Passage aus Paulus Hohelied der Liebe hatte schon Bergmans Wie in einem Spiegel als Titel gedient.

Die Sehnsucht nach einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht ist Teil der Ursehnsucht des Menschen. Wir sind heute mehr denn je über die technischen Möglichkeiten miteinander verbunden. Gleichzeitig findet immer weniger echte, wahrhaftige Begegnung statt. Der Blick in die Augen, der mit wahrhaftiger Begegnung eng verbunden ist – er findet immer weniger statt. Die Oberflächlichkeit und Geschwindigkeit haben Tiefe und Echtheit vielfach abgelöst. Ist der Kunst die Möglichkeit der Begegnung abhandengekommen?

Begegnung verlangt zu allererst Bewusstsein. Der Autopilot und das Gedöns im Außen sind dabei nur sehr bedingt hilfreich. Wir nehmen etwas wahr, wenn wir es als solches kennen und erkennen. Es braucht also ein Minimum an Bewusstsein. Dann erst wird es Bestandteil unserer Wirklichkeit. D.h. Begegnung braucht Bewusstsein, dass sie überhaupt möglich ist.

Begegnung hat also immer etwas mit der Überwindung von Raum und Zeit, von Wahrnehmung, von Erkennen, von Kennen, von Wissen – und auch von Bereitschaft, Neugierde und Offenheit zu tun, mit aufeinander EIN-LASSEN! Begegnung ist auch die Schnittstelle aus Herz und Verstand, aus Weisheit und Wissen. Somit ist Begegnung integraler Bestandteil dessen, was wir als unsere Wirklichkeit bezeichnen.

Bewusstsein, Wahrnehmung, Kommunikation und Realität formen ein Quartett und sind somit untrennbar miteinander verbunden. Letztlich lassen sich die vier Teile nicht voneinander trennen. Wenn man dies tut, dann ausschließlich aus Gründen der Verständlichmachung von etwas an sich nicht mit Worten Verständlichmachbaren. Der Kunst kommt dabei eine wesentliche Rolle zu. In ihrer Vielgestaltigkeit ermöglicht sie ganz unterschiedliche Formen der Begegnung – auch die Begegnung mit sich selbst.

Als Schriftstellerin, die über verschiedene Dimensionen ihres Ausdrucks öffentlich wahrgenommen wird und für die Kommunikation in Gedanken, Emotionen, Worten und Bildern essentielle Darstellungsbestandteile ihres Werkes ist, bin ich täglich mit gelebter Kommunikation von Angesicht zu Angesicht konfrontiert. Ich schreibe ja nicht nur – ich habe eine Reihe weiterer Ausdrucksformen wie meine Radiosendung, diese Kolumne, Vorträge und Lesungen und Einzelgespräche.

In vielen meiner Arbeiten – auch als Ausdruck von Begegnung – geht es daher darum, literarisch jenseits der strengen Formbindung zu zeigen, wie stark die Annahmen von dem, was als Wirklichkeit und Kommunikation bezeichnet wird, von Erfahrungen, Erwartungen, vom Unbewussten, von Mustern, Prägungen, kollektiven Wahrnehmung, kulturellen Gegebenheiten und Glaubenssätzen geprägt werden und so das Bild in der Wahrnehmung, Interpretation und letztlich in der Handlung weiterprägen – und wie dadurch Begegnung geformt wird.

Bei jeder Begegnung sind Beobachter und Beobachtetes miteinander verschränkt. Etwas wird real, wenn es beobachtet wird. Wir sind also zugleich Zuschauer und Mitspieler im großen Drama dessen, was man als Leben bezeichnet. Diesem Umstand kann man sich willentlich nicht entziehen. Vieles wird erst durch die Wahrnehmung durch den Beobachter zu dem, was es – scheinbar – ist. Es liegt also eine spukhafte Fernwirkung der besonderen Art vor, wenn Erfahrungen, Erwartungen etc. die das Bewusstsein und die Wahrnehmung eines Bildes und die Kontextualisierung einer Bildreihe beeinflussen. Und es kann natürlich auch ganz anders sein … in der bildenden Kunst ist das nicht viel anders – auch da spricht ein Werk zu uns – in seiner eigenen Sprache.

Wirklichkeit wird dann – über Kommunikation – zur Anarchie und zum Chaos, aus denen eine neue Wirklichkeit geboren wird. Bewusstsein kommt in diesem Prozess eine ganz entscheidende Rolle zu. Der Kunst ist das sehr vertraut. In der Musik gibt es z.B. kaum abgeschlossene, fertige Interpretationen von Werken. Die Begegnung mit dem Werk und dem Komponisten ist jedes Mal neu, anders … und erschafft eine neue Wirklichkeit – jedes Mal.

Auch die Art, wie man verschriftlichte Botschaften der unterschiedlichsten Art „lesen“ kann, ist nicht vorgegeben. Liest man es als einzelnes Wort, als Satz, als Bild, als Gefühl, das in einem ausgelöst wird – wodurch wird was ausgelöst? Kontextualisiert man es in eigene Erfahrungen und Erwartungen? Was nimmt man warum von einer Botschaft wahr? Wie stellt man Kontexte, also Zusammenhänge überhaupt her?

In einem literarischen Beitrag kann man andeuten, was Kommunikation alles vermag und wie sich aus der Wahrnehmung Wirklichkeit konstituiert und konstruiert. Dieser Zugang zeigt einen Variantenausschnitt und will den Impuls für weitere Möglichkeiten ebenso anbieten wie zur Hinterfragung des individuellen Erfahrungs-Erwartungshorizonts beitragen. So wird – vielleicht – die eigene Kommunikation verantwortungsvoll im Wissen der Ergebnismöglichkeiten gestaltet. So wird – vielleicht – ein Schritt des Innehaltens der Wahrnehmung von Wirklichkeit, der eigentlichen Kommunikation und Interpretation vorgestaffelt. So wird – vielleicht – der Botschaft eine Chance auf Entfaltung gegeben.

So bleibt einer Frau des Wortes einerseits eine Fülle an Möglichkeiten an der Hand – und gleichzeitig darf man sich in der Fülle an Möglichkeiten nicht verlieren oder sich vor ihnen verschließen. Dann eröffnen sich ungeahnte Räume der Begegnung. In der Kunst und im Leben. Wagen Sie es. Wagen Sie den Blick von Angesicht zu Angesicht. Gehen Sie auch ab und an in die Tiefe einer Begegnung. Blicken Sie in die Augen Ihres Gegenübers – und experimentieren Sie mit unterschiedlichen Kunsträumen dabei.

Bleiben Sie mir gewogen – Ihre Andrea Riemer

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