Riemers CulTour #7: Vergänglichkeit, Abschiede … Tod

Der November lädt ein, sich über existentielle Themen wie Vergänglichkeit, Abschied und Tod Gedanken zu machen. Ich weiß – wer macht das schon gerne? Doch ich will nicht locker lassen und Sie ein wenig in diese Themen führen. Ich konfrontiere mich mit Fragen gerne bevor sie in meinem Leben so richtig relevant werden. Es ist wahrscheinlich eine Form von Vorbereitung auf das was kommen mag und auch die dichte eigene Erfahrung mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit.

Am Tagesbeginn, die Morgennachrichten, die erste Diskussion beim Frühstück, die schon den ersten Schatten auf der aufkommenden Tag wirft, der große Erfolg von vorgestern, die misslungene Prüfung, die chaotische Besprechung, der letzte Sommerurlaub, das vergangene Wochenende, … vor zehn Minuten heute beim Aufstehen … überall begegnen wir der sogenannten Vergänglichkeit und dem Abschied. Für mich ist Leben pure Bewegung. Klingt banal. Es sind jedoch die sogenannten banalen Erkenntnisse, die oft den berühmten Nagel auf den Kopf treffen. Sich der Vergänglichkeit allen Seins bewusst zu sein, ist eine große Kunst und fordert viel Offenheit und Mut.

Vergänglichkeit zieht sich durch die Weltliteratur wie ein roter Faden. Auch Opern können da sehr gut mithalten. Wenn ich an die Marschallin im Rosenkavalier denke mit ihrem Lied über die Vergänglichkeit und die Zeit … „Die Zeit im Grund, Quin-quin, die Zeit, die ändert doch nichts an den Sachen. Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie: sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder. Lautlos, wie eine Sanduhr. Oh Quin-quin! Manchmal hör‘ ich sie fließen unaufhaltsam. Manchmal steh‘ ich auf, mitten in der Nacht und lass‘ die Uhren alle stehen.“

Und Octavian, ihr junger Liebhaber singt:Warum ist Tag? Ich will nicht den Tag! Für was ist der Tag! Da haben dich alle!“ Auch er will die Vergänglichkeit und den Abschied nicht akzeptieren. Doch sie rieselt, die Zeit. Wir können sie nicht aufhalten. Denken Sie an die Kamelie, die Violetta Valéry Alfredo in La Traviata gibt. Wenn sie verblüht ist, soll er sie zurückbringen. Vergänglichkeit und Wiedersehen … eine seltsame Kombination. …

Daher: Sich zu erfreuen, sich auch ab und an mal ärgern und mächtig wütend sein und nicht daran hängen bleiben. Irgendein kluger Kopf nannte dies die Nicht-Identifikation. Klingt kompliziert und ist es auch immer wieder. Die Vergänglichkeit hilft uns, vieles gehen lassen zu können und unserem Kern damit ein Stück näher zu kommen und im Moment zu bleiben – zwischen zwei Atemzügen. Banal und kompliziert zugleich, ist jedoch durchaus erstrebenswert. Es reist sich leichter ohne Gepäck.

Und dann die Momente des bewussten Abschieds. Ich könnte 1001 Szene in den großen Opern nennen, die sich dramatisch mit Abschieden befassen. Nehmen Sie Mimí in La Boheme: „Ich fühl‘, mir geht es schlecht, heut‘ Nacht stürmte er hinaus, sein Abschied war: „Nun ist alles aus“. Bei Morgengrauen lief ich schon hierher, um sie zu sehen.“

Abschiede haben oft etwas mit scheinbarer Traurigkeit zu tun. Dabei ist jeder Tag voll von Abschieden. Sie werden kaum bemerkt. Wir haben eine generelle Ignoranz gegenüber diesem Phänomen. In allem Anfang wohnt ein Zauber inne, den wir bewahren wollen. Vor dem oft unausgesprochen vereinbarten Ende graut uns. Der Abschied ist offenbar etwas Verdrängtes. Wir schauen gerne weg – beim Abschied. Oft beobachte ich, wie Menschen beim Abschied den Kopf nach unten haben und nicht links und rechts blicken, sondern losrennen. Erkennen Sie sich wieder?

Ungerne beenden wir etwas, sei es eine Beziehung, einen Tag, ein schönes Gespräch. Wir tun uns schwer, den Abschied zuzulassen. Dabei ist er ein wesentlicher Teil des Lebens. Dieses umschließt immer beides – Kommen und Gehen. Den Geburtsschmerz vergessen wir gnädig. Die Todesangst begleitet uns oft deutlich länger. Dabei ist alles nur ein zyklisches Durchlaufen von Seinszuständen. Blenden wir den Abschied aus, dann verdrängen wir Zyklen. Wenn wir erkennen, dass Abschied die Grundlage für den Neubeginn auf einer anderen Ebene sind – erleichtert das dann die Annahme von Abschied? Vielleicht …

Denn irgendwann kommt einer der ganz großen Abschiede, der Tod. Er ist wohl der am meisten verdrängte Abschied. Die Radikalität, dass der Körper geht, zerfällt … Die Schmerzlichkeit der Endgültigkeit, die Unwiderruflichkeit des Nicht-wiedersehens in der be-kannten Form – all dies macht Angst.

Ich denke an die vorher zitierte Violetta Valéry, die am Schluss des 3. Aktes in einer dramatischen Art stirbt und noch Alfredo ein Medaillon für die neue Braut mitgibt und ihm aufträgt, dass beide für sie beten. In praktisch jeder Oper von Richard Wagner findet sich das Todesmotiv. Mal ist es Rachsucht, mal ist es die große Liebe, die in den Tod führt. In der Oper und im Schauspiel halten wir den Tod locker aus. Ja – er ist sogar ein natürlicher Begleiter. Spannungsgeladene Stimmung, Drama pur. Doch im sogenannten wirklichen Leben? …

Dabei hat der Tod auch etwas Befreiendes – weniger für die Hinterbliebenen, oft für die Betroffenen. Die Erlösung und das Übergehen in das große Unbekannte werden gerne übersehen, ja verdrängt. Das Unbekannte beschert zusätzliche Angst, weil alles, was unbekannt ist, mit Unsicherheit behaftet ist. Da drehen wir uns doch lieber weg. Da gehen wir mit Humor drüber. Da lachen wir laut. Da schweigen wir noch lauter drüber. Nur wenn die Konfrontation unausweichlich ist, dann machen wir notgedrungen einen Blick hin – und erstarren oft. 

Was wäre wenn wir folgendes inneres Spiel spielen: Wir imaginieren das eigene Sterben, die großen Ängste vor vollkommener Ohnmacht und die Unwissenheit über das, was kommen wird, die Urangst des Alleinseins, des Verlassen Werdens, des Ausgesetzt Seins und die eigene Auflösung. Es ist wie der Gang durch das dunkle Tal, wo man nichts wahrnehmen kann und doch irgendwie weiß, dass man ankommen wird. Wo? Das ist wohl die größte Unbekannte.

Ich will den Tod nicht zum Abenteuer verklären. Damit wäre ich im Trend unserer Gesellschaft. Nein – ich will einen Impuls zum Hinblicken geben. Nicht mehr.

So frage ich am Ende meiner Gedanken: Hängen Leben und Sterben zusammen? Ja, natürlich. Ja, oft verdrängt, weil das Zweite so unangenehm erscheint. So drücken wir uns täglich durch unser Leben. Das eine wollen wir im Übermaß. Das andere darf uns bitte nicht begegnen. Haben wir schon einmal darüber nachgedacht, dass das eine das andere bedingt? Wie wäre es mit dem Gedanken, dass das Wissen um den Tod das Leben noch kostbarer macht? Jeder Todesfall ist Impuls, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Was mache ich daraus? Wo schlafe ich noch den Schlaf der Gerechten?

Kann man sterben lernen? Diese wohl auf den ersten Blick absurde Frage ist ein paar weitere Gedanken wert – auf den zweiten Blick. Das eine kann nur über den Gegenpol erfahren werden. So erscheint mir die zeitweilige Auseinandersetzung mit dem Sterben eine der Grundvoraussetzungen, um überhaupt leben zu können – frei von Suchen, Süchten und Abhängigkeiten.

Die Kunst macht diesen Bogen von der Vergänglichkeit über den Abschied bis zum Tod in ihrer Vielfalt, in ihrer Tiefe und Breite. Sie macht es mit Humor, mit Drama, mit Tragödie, mit Komödie und mit großen Abgängen und ebensolchen Einstiegen. Vieles ist übertrieben – und doch sehr nah am Leben. Wie kann es anders sein, wenn es um die Existenz geht?! Die Oper beginnt morgen von Neuen. Unser Leben auch – wenn wir es zulassen. So ist es ein Kreislauf, den wir durchlaufen.

Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer

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