Riemers CulTour #8: Gedenken und Bedenken

Immer wieder jähren sich Gedenk- und Bedenktage und Jahre. Die Fantasie ist oft grenzenlos und ich bin immer wieder erstaunt, wie kreativ man ist, wenn es ums Feiern und Erinnern geht.

Gedenken und sich Gedanken über etwas zu machen, ist in der Kunst durchaus normal. Die Literatur und die Musik in all ihrer Vielfalt helfen uns dabei. Sie sind Träger von Botschaften, die uns die Verbindung zur Vergangenheit ebenso ermöglichen, wie sie uns in unsere Gegenwart hereinholen. Dies kann Kraft ebenso geben, wie es uns Kraft entziehen kann. Besonders, wenn man als negativ, als belastend eingeschätzte Erfahrungen hat, dann kommt der Erinnerung eine besondere Bedeutung zu. Das Gleiche gilt für als besonders bereichernd, als beglückend bewertete Erfahrungen und Gedanken.

Umso wichtiger sind der Umgang mit Erinnerung und mit Gedenken und das Ziehen der richtigen Schlüsse. Der Erinnerung kommt also in diesem Gedenkprozess eine besondere Rolle zu. Wir erinnern uns sehr oft unbewusst, gelegentlich auch bewusst. Meistens geschieht es über Bilder und Gefühle. Das eine löst das andere in unserem Innen aus.

Die Erinnerung hält also Vergangenes am Leben, hilft uns die Gegenwart mit dem Herzensverstand und dem Weisheitswissen auszudeuten und damit zu leben. Und sie hilft uns, die Zukunft zu gestalten – in einer Weise, dass sich Positives verfestigt und entwickelt und Negatives den Raum erhält, als eine Mahnung ist, sich im Hier und Jetzt anders zu verhalten, um diese Erfahrung nicht noch einmal zu wiederholen.

So sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch die Erfahrung und Erwartung untrennbar miteinander verbunden. Ja – sie sind ein menschliches Konstrukt im Rahmen der Zeit, als ein Orientierungskriterium neben dem Raum. Denn – letztlich sind auch Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden.

Die RaumZeit ist Teil unserer existentiellen Bedingtheit.

Ich setze mich seit einigen Jahren, wohl auch aufgrund persönlicher Betroffenheit mit Fragen von Leben, Tod, Flucht und Vertreibung aus ganz unterschiedlichen, und manches Mal nicht auf der Hand liegenden Gründen auseinander. Das Leben am Rand, im Schatten, Momente, die man nie vergisst – aus welchen Gründen auch immer, die Freiheit und Befreiung, das sich auf den nächsten Tag und Morgen freuen und – irgendwann, vielleicht anzukommen und ein Zuhause zu finden, finden Raum in meinen Textprogrammen, die ich auch immer wieder schreibe, wenn das Thema mich besonders drängt und berührt.

Damit verbinde ich persönliche Erfahrungen und Erinnerungen mit meinem wissenschaftlich-künstlerisch-spirituellen Hintergrund.

Der humanistische Grundgedanke und das Gefühl von Mitmenschlichkeit ist mir dabei ein wesentliches gedanken- und arbeitsleitendes Motiv. Aus Erfahrungen zu lernen, prägt auch mein reichhaltiges persönliches Leben. Die Herstellung einer historischen Nachhaltigkeit durch bewusstes und offenes Erinnern, Erkenntnisse erzielen und diese umsetzen, zieht sich wie ein roter Faden durch meine künstlerische und intellektuelle Karriere und mein gesamtes Schrift- und Vortragswerk.

Es geht dabei nicht um das Geben von schlauen Antworten und das Präsentieren von scheinfertigen Konzepten und das Anwenden von praktischen Modellen. Nein, darum geht es mir nie. Ich stelle mit meinen Textprogrammen oft unbequeme Fragen, will aufwecken und Impulse geben. Mir ist die Inspiration zu eigenen Antworten aus der individuellen und kollektiven Erinnerung heraus wesentlich. Ohne Erinnerung, ohne Gedenken und Bedenken im Sinne einer tiefgehenden Widmung für ein Menschheitsthema gibt es für mich keine sinnstiftende und achtsame Gestaltung der Gegenwart, noch eine Zukunft.

So widmete ich mich beispielsweise im Jahr 2015 einer ökumenischen Feier anlässlich 70 Jahre Ende 2. Weltkrieg im Bunker des ehemaligen KZ in Landsberg am Lech. Konzept und Textgestaltung („7 Seelentexte mit Musik“ – gemeinsam mit dem mittlerweile sehr bekannten Janoska-Ensemble), also für mich typische Arbeiten, beschäftigten mich über Monate. Und das Thema war erst angerissen und verlangte nach einer Weitererzählung.

Das Textprogramm Erinnerte Erinnerungen ist als Fortsetzung zu deuten und etwas breiter im Zugang gehalten und geht auch auf die unterschiedlichen Aspekte von Flucht und Vertreibung ein. Persönliche Erfahrungen und Erfahrungen aus meiner Familiengeschichte zu diesem Thema fließen in das Programm ein.

Warum schreibe ich zu diesem Menschheitsthema von existentieller Bedeutung? Mir ist wesentlich, dass sowohl dem Innehalten und der Würdigung des Schicksals als auch die Feier des Lebens als solches Raum gegeben wird. Die acht Texte – im Goldenen Schnitt – formen diesen Textkörper, der auch mit dem Ort der Aufführung in engster Verbindung steht. Flucht&Vertreibung, Lebensflucht, Rückzug, Schattendasein, ZwischenWelten – ZwischenZeiten, Räume und Zeiten des nie Vergessens, Befreiung-Morgen, Nach Hause – Zu Hause formen einen großen Themenbogen, der seine Aktualität nie verliert. Menschheitsthemen sind Menschheitsthemen. Humanität ist Humanität. Beides ist nicht verhandelbar. Beides ist ungeteilt. Beidem können und dürfen wir uns nie entziehen.

So wird das Programm „Erinnerte Erinnerungen“ im Jahr 2018 deutschlandweit immer wieder aufgeführt werden, in unterschiedlichen Zusammenhängen, an unterschiedlichen Orten, mit unterschiedlicher musikalischer Begleitung. So trägt die Musik das Wort. So tragen beide gemeinsam die Botschaft „Erinnerungen sind wichtig, um die Gegenwart zu verstehen und zu gestalten“.

In diesem Sinne – bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer

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