Riemers CulTour #9: Begegnungen – Schein, Sein

Begegnungen finden laufend statt, oft unbewusst, unerkannt und unbenannt – und sind doch ein wesentlicher Teil des menschlichen Zusammenseins. Dabei ist heute keine persönliche Präsenz mehr erforderlich, um einander zu begegnen. Die technischen Möglichkeiten erlauben nahezu eine von Raum und Zeit losgelöste Begegnung – im virtuellen Raum – 24 Stunden, rund um den Erdball. Performances, Videoinstallationen, Theaterbühnen, Opernbühnen, Film, TV, Radio, PodCasts, Blogs, Vlogs … ich habe sicherlich die eine oder andere Begegnungsebene vergessen. Doch darum geht es gar nicht vordringlich.

Da sowohl Raum als auch Zeit enorme Wandlungen erfahren haben, gibt es zur persönlichen Begegnungspräsenz eine Reihe anderer Begegnungsmöglichkeiten, die auch Begegnung sind, jedoch eine Ent-Persönlichung in sich tragen. Dies mag als Oxymoron klingen, doch die Begegnung im virtuellen Raum macht rasch deutlich, dass keineswegs eine contradictio in adjecto vorliegt – im Gegenteil – die entpersönlichte Begegnung in virtuellen Räumen jenseits von Zeit ist mehr oder weniger die Regel in vielen Fällen. Dies will hier weder als gut noch als schlecht bewertet sein, sondern ist als Faktum zu akzeptieren.

Was bedeutet diese Vielfalt an Begegnungsmöglichkeiten für unsere Begegnungen?

Was ich beobachte, ist, dass die Tiefe in der Begegnung dabei verloren gehen kann und oft auch verloren geht. Die Allzeitverfügbarkeit mit Smartphones und den damit verbundenen Technologien entwertet auch das Gespräch und verleitet zum oberflächlichen Blabla. Die Möglichkeit, einander zu begegnen, bedeutet nicht automatisch eine tiefe Begegnung. Das muss natürlich auch nicht sein. Begegnungen sind heute oft fluide, oberflächlich, rasch wechselnd. Gleichzeitig ist ein dem Menschen oft immanenter Wunsch nach Tiefe in Begegnung vorhanden. Wieder so ein Widerspruch …

So erfuhr Begegnung eine Vielfalt, eine Widersprüchlichkeit und eine Entpersönlichung – und doch gibt es Grundparameter, die für eine wahrhaftige Begegnung erforderlich sind, um sie überhaupt entstehen zu lassen. Wir merken dies sehr rasch im Alltag, ebenso wie in der Kunst im Speziellen. Begegnung entsteht ja nicht nur im äußeren, sondern setzt voraus, dass sie im Inneren zuerst einmal für möglich gehalten wird. So kann Begegnung beim Lesen eines Buches ebenso entstehen wie beim Hören von Musik, gleich aus welchem Genre. Das will ich gar nicht festgelegt wissen wollen.

Vielleicht ist in der Widersprüchlichkeit aus ungeahnten Begegnungsmöglichkeiten und der damit einhergehenden Verflachung auch der immer stärker werdende Wunsch nach „echten“ Begegnungen, nach authentischen, wahrhaftigen, stimmigen Begegnungen, die ein „mehr“ entstehen lassen – wie immer dieses aussehen mag, zu verstehen.

So stehen einander in der Begegnung immer menschliche Wesen in ihrer ungeahnten Vielschichtigkeit, in ihrer Widersprüchlichkeit, mit ihren Sehnsüchten, Wünschen, Träumen, Projektionen, ihrer ganz persönlichen Geschichte, ihrer Sippengeschichte und der Kollektivgeschichte gegenüber. Mit all diesen Rucksäcken gleicht es gelegentlich einem Wunder, dass tiefe Begegnung, von Verstehen und Verständnis ist hier gar nicht die Rede, wenn also tiefe Begegnungen mit Nachhall geschehen können.

Umso spannender ist ein Blick auf die Momente der Begegnung in verschiedenen Settings.

Be-Geg-nungen bedeutet ja auch, dass mir etwas entgegen kommt. D.h. es braucht ein „Ich“, ein „mir“, damit ein „gegen“, ein „Du“ und letztlich ein „Wir“ möglich werden.

Ich muss mich als „Ich“ wahrnehmen, erkennen und dann den nächsten Schritt machen. Das „gegen“ ist wieder wahrzunehmen, zu erkennen als solches. Ohne Bewusstsein und Wahrnehmung sind weder „Ich“ noch „gegen“, „Du“ und „Wir“ möglich. Als SchauspielerIn merkt man das rasch, wenn man auf einer Bühne steht und von der Resonanz, von Stichworten der PartnerIn abhängig ist. Ähnlich geht es OpernsängerInnen. Wenn die Übergabe aufs Stichwort nicht passt, verrutscht die gesamte Statik der Arie. Das mag fürs erste konstruiert erscheinen, doch so abwegig ist der Gedanke „Die ganze Welt is einet Bühne“ nicht. Es ist eine Frage der Betrachtung.

Was auch eine Frage der Betrachtung ist, ist die Annahme, dass „Ich“ und „gegen“ für die Bewusstwerdung Grenzen brauchen, selbst wenn diese fiktiv und gedacht sind. Ansonsten kommt es zu einer Verschmelzung, die die Unterscheidung nicht mehr möglich macht, es kommt zur Auflösung. Ohne Grenzen kein „Ich“ und kein „Du“ – damit auch keine Begegnung.

Begegnung findet oft subkutan statt, im Nichtausgesprochenen, im leise und bewusst Wahrnehmbaren, in den Zwischentönen, im Graubereich von Licht und Schatten. Klarheit wird oft gefordert und selten findet sie statt, weil man sie nicht „machen“ kann, sondern sie entsteht, wenn man sie entstehen lässt. Die fehlende Klarheit ist Chance und Risiko zugleich. Sie ermöglicht und verhindert gleichzeitig. In diesem scheinbaren Paradoxon spannt sich Begegnung auf.

Da ich immer wieder Begegnungen in meinen literarischen Arbeiten, aber auch als Beraterin und natürlich auch als Mensch habe, habe ich mich mit diesem Thema intensiv in einem Textprogramm auseinandergesetzt. Anregung war mir dabei das Stück „Reigen“ von Arthur Schnitzler, der sich mit den unterschiedlichen Begegnungen von Paaren auseinandersetzt. Nicht thematisch, doch in der Art und der Struktur mit der Übergabe von einer Szene zur nächsten, fand ich dieses durchaus sozialkritische Stück inspirierend. Ich habe mich in den Texten beispielsweise folgendes gefragt.

· Was macht Begegnung im Kern aus?

· Wie und wo findet Begegnung statt?

· Wie geht man mit der fehlenden Klarheit in Raum und Zeit um in der Begegnung um?

· Was lässt sich aus dem Schattenhaften, dem Überbelichteten, dem Normalen, dem Übertriebenen, dem Verschwiegenen, dem Überzeichneten erschaffen?

· Wie geht man mit dem Paradoxon der Entgrenzung und dem neuen Grenzenziehen und dem überlagernden Unbewussten um?

· Wie geht man in entgrenzten Zeiten und Räumen mit Begegnung um?

· Wie geht man mit den zahlreichen Paralleluniversen aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung und des unterschiedlichen Bewusstseinszustandes des Einzelnen in der Begegnung um?

· Welche Botschaften lassen sich dann jeweils ableiten?

Entstanden sind acht Texte, die einander am Ende immer wieder an den nächsten weitergeben und am Schluss der Serie wieder am Ausgangspunkt ankommen, ein Reigen eben. Begleiten lasse ich mich beim Vortrag der Texte gerne mit Musik. Da bin ich durchaus flexibel – wie das Thema der Begegnungen selbst ja auch ein weites Land ist, um in Schnitzlers Formulierung zu bleiben. Und – man kann 2018 das Programm übrigens auch immer wieder hören. So wird Begegnung wieder bewusst möglich.

Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

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