Riemers CulTour #10: Über die Zeit …Gestern-Heute-Morgen

Ich mache mir in meinen literarischen Arbeiten seit vielen Jahren gerne Gedanken über grundsätzliche Fragestellungen in unserem Leben. In meinem Verständnis von Kunst ist dies nicht nur legitim, sondern notwendig. Wo kann man sich leichter über das Leben, die Liebe, den Tod, Wirrnisse, Umwege, Suchen, Finden, etc. Gedanken machen als im künstlerischen Bereich? Man nimmt es uns KünstlerInnen doch ab, wenn wir dramatisieren, eine Tragödie darlegen und versteckt und offen das Menschliche darstellen.

So beschäftige ich mich seit gut 25 Jahren immer wieder mit den so selbstverständlichen Kategorien Raum und Zeit, frei nach dem bekannten Satz aus Richard Wagners Oper Parsifal: Ich schreite kaum, doch wähn’ ich mich schon weit. Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit. Woher Wagner dieser Dialog zuflog, ist nicht verbrieft. Ich finde ihn jedoch sehr ausdrucksstark, weil er eben zwei selbstverständliche Kategorien umfasst, die zutiefst menschlich sind.

Neben der Quantenphysik, die sich u.a. auch mit Raum und Zeit beschäftigt, gibt es auch Komponisten, die mich immer wieder inspirieren, so beispielsweise Richard Strauss, der ja als einer der großen Liederkomponisten gilt und sich mit grundsätzlichen Fragen des menschlichen Seins auseinandersetzte. Oft bediente er sich in der Vertonung Gedichten von Hesse und anderen mehr oder weniger bekannten Schriftstellern seiner Zeit. Strauss hatte einen unnachahmlichen Zugang zur Tiefe des Wortes und war in der Lage, dies musikalisch auszudrücken. Auch wenn sich beispielsweise Hermann Hesse nicht begeistert dazu äußerte, verwendete Strauss immer wieder Texte dieses Schriftstellers. Die Distanz Hesses zu Strauss‘ Vertonungen mag an seinem Musikgeschmack und seiner emotionalen Disposition gelegen haben.

Strauss‘ Liederoeuvre ist umfangreich und thematisch vielfältig und umschließt natürlich auch Raum und Zeit. Ein Grundtenor, den Strauss in meiner Empfindung seinem Publikum mitgibt, ist, bei aller Dramatik des Lebens, bei all seinen Brüchen und Umbrüchen und dem Schicksal der/s Einzelnen – am Ende bleibt immer ein Silberstreifen am Horizont, eine Hoffnung, die er mitgibt. Dies mag in den Texten, die er vertonte, nicht immer der Fall sein; seine Musik ist jedoch von dieser Hoffnung geprägt.

Gerade in Umbruchzeiten, in der Raum und Zeit markante Verschiebungen erfahren, mögen viele seiner Lieder Anregung und Trost sein, dass es weitergeht – auch wenn wir nicht wissen, wie und welche Richtung. Diese Hoffnung hält aufrecht und gibt die Kraft für den nächsten Schritt, in die Leere, ins Nichts, ins Vertrauen. Genau das ist es, das vielen Menschen beim Hören der Lieder Anregung ist.

Bei vielen Projekten ab 2010 begleiteten mich Strauss-Lieder und Musik von Richard Strauss in meinen schriftstellerischen Arbeiten. Manches davon inspirierte Geschriebenes direkt, das inhaltlich nur wenig mit den gehörten Liedern zu tun hatte. Es zeigt auch, wie Musik das Schreiben indirekt beeinflussen kann und wie sich daraus Neues, Unerwartetes und Unerwartbares ergibt – je nachdem, wie die/der Schreibende innerlich offen und empfangsbereit ist.

Warum schreibe ich das alles? Nun – oft geht es auch im Literarischen über scheinbare Umwege, scheinbar. So verfestigte sich in mir der Gedanke, ein Programm an „Spiegeltexten“ zu Liedern von Richard Strauss zu verfassen. Spiegeltexte sind neue, literarisch formfrei gestaltete Texte, die durch die vertonten Gedichte und Texte in der Entstehung inspiriert wurden. Dabei versuchte ich, die Stimmungen und Grundbotschaften zu erfassen und mit ihren Empfindungen bei der Wahrnehmung von Wort und Musik in verschiedenen gesanglichen Fassungen in einen neuen Text zu kleiden, der ausschließlich für den Vortrag und nicht für den Gesang gedacht ist. Ich spiegele damit in mehrfacher Hinsicht meine sehr persönlichen Wahrnehmungen und Interpretationen von Wort und Musik. Die Texte sind somit ein Vexierspiegel des vorhandenen Wortes und der vorhandenen Musik – in einer sehr persönlichen Wahrnehmung mit einem teilweise bewusst den ursprünglichen Texten übergeordneten Bezug, um den Blick von oben zu ermöglichen und Musik und Originaltexte in ihrer gesamten Breite und Tiefe auszuloten und Botschaften herauszuarbeiten.

Klingt das kompliziert? Ja, vielleicht beim Lesen dieser Kolumne. Doch wenn Sie die Texte mit einer leichten Musik, nicht mit Strauss-Musik, das erträgt man nicht ob die Dichte von Musik und meinen Texten, also mit leichter Musik hören, dann erklärt sich vieles von selbst und öffnet neue innere Horizonte. Neugierig geworden?

2018 haben Sie mehrfach Gelegenheit diese neuen inneren Horizonte zu entdecken – zum Beispiel mit dem Programm Gestern-Heute-Morgen

Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

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