Riemers CulTour #11: Kann Kunst die Welt erlösen?

Diese Frage stelle ich mir immer wenn, wenn ich den Satz „Kunst erlöst die Welt“, der beispielsweise Nikodemus, einem der ersten bekannten christlichen Künstler, und Lorenzo di Medici, einem der großen Renaissancemenschen zugeschrieben wird, lese.

Wie ist das nun mit der Kunst? Was kann sie bewirken? Welche Kunst meine ich? Was heißt „erlösen“?

So stelle ich diese Fragen, weil mir mehr und mehr auffällt, dass Kunst zu einer schönen Zuwaage geworden ist, zu einem Hobby, das man vielleicht irgendwann irgendwo so am Rande ausübt, die Bereicherung genießt – und dann weiter in den Alltag geht. Sind wir von KulturkonsumentInnen umgeben, die nehmen und nicht gerne geben, die auf die Erlösung von etwas warten, ohne selbst genau zu wissen, worauf sie warten.

Alle, die Kunst als Beruf und oft auch als Berufung empfinden und sich damit exponieren, werden gerne als Spinner und Weltentflüchtete etikettiert. Sie sind der Welt, was auch immer das sein mag, abhandengekommen – frei nach dem von Mahler vertonten Rückert-Gedicht.

Ich stelle diese Fragen, weil ich orte, dass dieses Abtun der Kunst schick geworden ist. Zu teuer, zu elitär, zu wenig Breite, zu viel Tiefe (!), zu wenig in Zahlen, Daten, Fakten messbar. Gleichwohl – Sponsoring macht sich schick in den Hochglanzmagazinen, den Bilanzen und – ja auch sonst wo … Sehen und gesehen werden.

Gleich welchen Bereich ich nehme, sei es Literatur, Schauspiel, Oper, Jazz, Pop, Rock, Malerei, Bildhauerei, Performance, Film etc. pp. – überall muss die Kasse stimmen, ansonsten wird es schnell zum Rand- und Minderheitenprogramm abgestempelt.

Kunst muss man sich als Gesellschaft leisten wollen. Dann besteht zumindest die Möglichkeit, dass eine Form von Gelöstheit und Erlösung im Sinn einer Befreiung von überkommenen Denkstrukturen, Vorstellungen und Verhaltensmustern eintreten kann.

Gesellschaften, die wachsen, die sich ausweiten und entwickeln wollen, brauchen ein Bildungs- und Kunstfundament. Wer hingegen weiter tut, wie bisher, der braucht keine Kunst – außer als schickes Dekorum.

Die Menschheitsgeschichte beweist mit zahllosen Beispielen die Bedeutung von Kunst. Es geht mir um die Gesamtheit, die vermittelt wird, um Literatur, Malerei, Musik, Bildhauerei, Performance, Schauspiel, Oper, Pop etc. pp. Es geht um die vielzitierte Holistik in unserer Spezialistengesellschaft, die einen verengten Blick fördert. Das Gesamthafte ist immer fordernder als das Spezielle. Es verlangt Überblick und das Aussteigen aus dem taktischen Getümmel und Klein-Klein.

Es gibt ja richtige Anti-Kunstnerds. Bei manchen stelle ich eine regelrechte Kunstallergie fest, die durch Beispiele in öffentlichen Aufgaben noch zusätzlich gefördert und gefestigt wird. 

Es braucht Offenheit für Kunst. Es ist eine Frage der inneren Haltung, des sich Öffnens, des Zulassens von Neuen, von Unbekannten, von Anderem. Dies gilt gerade in dieser umfassenden Umbruchszeit, in der wir leben. Wir können dies gerne leugnen und mit alten Modellen und Rezepten weiterwursteln. Damit wurstelt man sich in die Ohnmachtsfalle. Ich muss keine Beispiele nennen. Die gibt es zuhauf zurzeit.

Wir können jedoch auch den zarten Versuch unternehmen und über die bekannten Tellerrand hinausblicken – einfach nur mal gucken. Sich öffnen, neugierig sein, ausprobieren …

Für sich genommen kann Kunst nicht die Welt erlösen. In einem Gesamtverbund hingegen sieht die Sache differenziert aus. Vor allem gilt dies dann, wenn Gesellschaften im Überlebensmodus sind – und das ist zweifellos mehr denn je der Fall – schlag nach bei jenen Ländern, die im Nachwahlmodus sind und verzweifelt versuchen Regierungen zu bilden. Manche könnten mit etwas Offenheit von der Kunst lernen, wie man sich an Neues, an Anderes heranwagt.

Viele Gesellschaften sind im Überlebensmodus hängengeblieben, und viele Gesellschaften sind in diesem Modus verblieben – vorsichtig schreibe ich – auch die sog. moderne, westliche Gesellschaft, die ja mittlerweile nicht einmal mehr postmodern, sondern post-post-modern, also jenseits jeglicher Maßstäbe geformt sind und deren Inhaltsgebung eine ganz besondere Beliebigkeit erfahren hat. Manche sprechen vom Postfaktischen – vielleicht auch nur wieder eine Etikette für ein Phänomen …

Wenn alles möglich und nichts fix ist, wenn jeder tun darf, was ihm beliebt (gilt für beiderlei Geschlechter), wenn es keine Leitlinien mehr gibt, dann frage ich mich:

  • Brauchen wir die sogen. klassischen Denker, die Renaissancemaler und -bildhauer, die klassischen Literaten, die modernen Autoren, die Maler des 19., 20. Und des 21. Jahrhunderts? Muss man Peter Turrini, Frau Jelinek oder einen Herrn Schwertsig kennen? Wie sieht es mit Herrn Raimann, Herrn Henze aus? Ich habe wahllos in den Korb an Möglichkeiten gegriffen.

  • Warum sich mit Goethe beschäftigen, außer man will beim Afterworkcocktail mit Pseudobildung angeben? Lässig hingeworfene Zitate, meistens ohne viel Substanz und weit weg von gelebter Umsetzung…

  • Warum sich mit einem Leonardo da Vinci oder einem Michelangelo auseinandersetzen, außer man interessiert sich für die so schön geformten nackten Männer? Wo mögen wir denn dabei hinkommen …

  • Warum sich für Mozart etc. interessieren, außer man braucht sie als Beruhigungsmusik oder ein musikalisches Narkotikum? Naja, keiner der oft Verehrten war im täglichen Leben eine Leuchte, warum also als Beispiel hernehmen, die Frauenverächter, Spieler, Säufer und, und, und…

Ich provoziere und pointiere, wie immer.

Mir ist auch bewusst, ich stelle viele Fragen und gebe kaum Antworten. Einfach auch deshalb, weil es keine Instantantworten gibt, die sich bei der nächsten Oberflächendiskussion in der Bar am Kiez kess anbringen lassen. Sie sind auch nicht für den Boulevard tauglich, sondern bestenfalls mühsam, denn sie erfordern ein Denken. Und wer will das denn heute noch?! Das ist doch uncool! Es gibt keine Antworten auf all diese Fragen, denn darum geht es gar nicht. Nun wird es ganz uninteressant. Und dennoch – ich bleibe dabei:

Es geht darum, neugierig Fragen zu stellen – diese und weitere. Es geht um das Nachdenken darüber, was mögliche Antworten sein können. Es geht darum, sich über Konsequenzen auszutauschen.

So kann es gut sein, dass Kunst den Impuls, die Welt zu erlösen gibt, dass Kunst die Welt in eine neue Richtung treibt und so zu ihrer Erlösung beiträgt. So beende ich meine Gedanken mit einem Gedanken eines Großen: „Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwage, sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet.“ (Nikolaus Harnoncourt)

In diesem Sinne … Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

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2 Kommentare zu „Riemers CulTour #11: Kann Kunst die Welt erlösen?

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