Riemers CulTour #12: Wie erreicht man Menschen in und mit Kunst?

Die Frage der grundsätzlichen Erreichbarkeit von Menschen im digitalen Zeitalter, das uns alle miteinander verbindet, ist zu einer Schlüsselfrage geworden. Die Informationsflut – es wird viel geschrieben und geredet, doch sehr wenig substantiell gesagt, hat zu einer Abwehrhaltung bei vielen Menschen geführt. Löschen, gar nicht lesen, weg mit dem Kram, es ist eh nur mehr vom selben.

Ich kann diese Abwehrhaltung durchaus nachvollziehen. Die Informationen prasseln ungefragt auf uns ein, täglich, stündlich – oft verbunden mit der Aufforderung zu agieren, jetzt und gleich. Die Zeit, diese Informationen einzuordnen, ist praktisch nicht vorhanden. Es geht immer weiter und weiter. Vieles, ja das meiste geht dabei unter. Auch das Interessante, das Bereichernde, das Neue, das Andere, das Einzigartige.

Die Frage der Erreichbarkeit stellte sich 2017 für mich und für viele KulturveranstalterInnen mehr denn je. Die Feststellung, dass Menschen überfordert sind vom täglichen Allerlei, reicht mir nicht aus. Auch die Anmerkung, dass es zu viel an Kulturveranstaltungen gibt, lasse ich nicht gelten. Klasse und Einzigartigkeit setzen sich immer durch und finden ihr Publikum.

Also – wie kommen wir aus der Jammernummer der Kulturschaffenden heraus? Ich habe mir intensive Gedanken darüber gemacht, wie ich Menschen für meine Arbeiten, die durchaus vielfältig sind und Künstlerisches, Intellektuelles und Spirituelles umfassen und von Natur aus anspruchsvoll sind, begeistern kann.

Es geht mir dabei nicht um Zeitgeistigkeit, also darum, sich anstrengungslos fortzubewegen, besonders übertriebene und gehypte Aktionen zusetzen – frei nach dem Motto – höher, schneller, weiter – und dazu noch mit viel Exzentrik versehen.

Wenn also ein „natürliche Überforderung“ besteht, die sich mit dem großen Umbruch, der unsere Gesellschaft durchzieht, erklärbar ist, dann nützt es nichts, diese Überforderung zu beklagen. Auch hier gilt das vielzitierte Prinzip von ‚Energie folgt der Aufmerksamkeit‘. Es nützt aus nichts, besonders ausgefallen in der Ansprache zu sein.

Nun – wie erreiche ich mit meinen Arbeiten die Menschen, die sich dafür interessieren könnten? Es bleibt ja immer eine im Kern hypothetisch formulierte Frage.

Ich spreche Menschen persönlich an, in einer bewusst klaren und einfachen Art und Weise. Dabei lasse ich mich auf einen Dialog ein. Small is beautiful hat für mich seit einigen Monaten einen neuen Geschmack. Mir geht es darum, Menschen zu erreichen und nicht darum, große Säle zu füllen. Das geben meine Programme gar nicht her.

Ich gehe bewusst in kleine, exklusiv gehaltene Veranstaltungen und überlege mir vorher, welchen Nutzen mein Publikum vom Besuch meiner Veranstaltungen haben kann. Das ist gelegentlich einfach, weil manches auf der Hand liegt. Meistens investiere ich viel Zeit in diese Nutzen-Überlegungen. Ich frage mich beispielhaft: Würde ich diese Veranstaltung besuchen? Würde ich mir dafür Zeit nehmen? Was wäre meine Erwartungshaltung? Was wären mögliche Erwartungshaltungen meines Publikums? Was will ich von so einer Veranstaltung in meinen Alltag mitbekommen? Was will ich dem Publikum mitgeben? usw.

Das mag für eine Künstlerin gewiss rational klingen. Wir KünstlerInnen sind oft von unseren Arbeiten so unglaublich begeistert und überzeugt, dass die Menschheit genau dieses Kunstwerk zum Überleben braucht – und wir vergessen dabei oft unser Publikum, das aus einer völlig anderen Lebenssituation kommt, als wir. Die Menschen mögen grundsätzlich interessiert sein – doch erreichen wir ihre Herzen und ihre Köpfe? Wie gelingt das immer wieder aufs Neue? Ist das dem Publikum dann auch klar?

Ich weiß, ich weiß – das sind für KünstlerInnen gelegentlich unbequeme Fragen. Doch die Erfahrung zeigt, dass in der übergroßen Konkurrenzsituation, gepaart mit dem generellen, großen gesellschaftlichen Umbruch diese und ähnliche Fragen wesentlich sind, damit die Botschaften die Empfänger auch tatsächlich erreichen.

So habe ich für 2018 entschieden, mit einem großen Thema ins neue Jahr zu gehen. Mit „Achtsamkeit und Bewusstsein“ verbinde ich mein neues Buch „Botschaften vom Leben“, das im Januar 2018 erscheinen wird, mit meinem Vortrag, den ich in Kleingruppen im Workshopstil anbiete, und meine Einzelberatungen. Nach vielen Überlegungen und einigen Versuchen wurde daraus der berühmte Schuh. Es hat sich gefügt – zu einem stimmigen, harmonischen Ganzen. Es ist auch eine positive Selbstbeschränkung. Was nützt es, Vielfalt anzubieten, die überfordert und gar nicht gewürdigt werden kann?

Mit der Vereinfachung und klaren Fokussierung sind eine Erkennbarkeit, eine Verortbarkeit und eine Wiedererkennung gegeben. Damit kann man einen Markenkern entwickeln, ausbauen und auch festigen. Dies ist wesentlich, denn jede/r KünstlerIn will wahrgenommen werden, erkannt werden und auch anerkannt werden – gleich aus welchem Bereich der Kunst die/der einzelne kommt.

Daher schlage ich vor, nicht weiter zu jammern, dass die Budgets immer kleiner werden, das Publikum immer schwieriger zu erreichen ist und die/der KünstlerIn Getriebene sind, sondern sich Gedanken zu machen, wie man es anders machen kann und damit die Bedingungen gestaltet und verändert. Ich behaupte nicht, dass mein Weg der alleinselig machende Weg ist. Es gibt sicherlich auch noch viele andere Wege. Bevor jedoch mein Weg kritisiert wird, schlage ich vor, sich den eigenen Weg zu überlegen – und ja, der kann und darf durchaus anders als mein Weg sein.

Jammern hat noch nie zu Veränderung geführt. Überlegungen und Erkenntnisse hingegen führen zu Schlussfolgerungen, aus denen man Handlungen ableitet. Das klingt un-künstlerisch – zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung vom Künstler, der den Kopf in den Wolken hat.

Brechen wir Klischees und brechen wir aus alt Bekanntem bewusst aus, denn der bewusste Bruch führt zu Veränderung, zu Gestaltung dessen, wo wir KünstlerInnen arbeiten, uns ausdrücken, beeinflussen und das große Ganze weiterbewegen. Das ist aufwendig, manches Mal mühsam, gelegentlich enttäuschend, doch es ist immer noch so, dass die/der Einzelne das Gesetz des Handels in der Hand hat. Und das ist eine der Grundbedingungen in turbulenten Zeiten.

In diesem Sinne … Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

www.andrea-riemer.de 

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