Riemers CulTour #15: Ende und Anfang …

Die letzten Tage des alten Jahres mag ich sehr. Ich habe nichts gegen Abschiede, da ich sehr bewusst im Zyklus von Werden und Vergehen lebe. Das erleichtert mir vieles. Es gibt kaum Wehmut, vielleicht nur ein ganz klein wenig, überwiegt doch die Freude über den Neubeginn. Mir ist bewusst, dass etwas gehen muss, damit etwas Neues entstehen kann, Raum und Zeit haben und einnehmen kann.

Am augenscheinlichsten wird das bei Auftritten. Da sind Aufregung und Vorfreude in der Vorbereitung, höchste Konzentration in der Durchführung und dann so etwas wie Genießen und Nachfreude. Manches Mal, wenn es besonders gut gelungen war, kommt eine kurze Leere in mir auf. Diese Leere ist ganz wichtig. Sie ist die RaumZeit, die ich brauche, damit sich Neues in mir gebären kann. Auch wenn ich schreibe, habe ich mir angewöhnt, diese Leere zuzulassen. Sie ist Regenerationsraum, Intuitionszeit und der wahrnehmbare Schnitt zwischen Alt und Neu.

Die Zeit zwischen den Jahren ist auch so eine Zeit der Leere – wenn wir sie nicht mit hektischem Reisen, lauten Vergnügungen und Tunmüssen zustopfen.

Ich lese in dieser Zeit oft Hesses Gedicht „Stufen“. Gerne will ich dieses, mit ein paar meiner Gedanken versehen, Ihnen für diese RaumZeit des ausklingenden und neubeginnenden Jahres näherbringen. Ich tue dies als Schriftstellerin mit einem spirituell-philosophischen Hintergrund und nicht als intime Hesse-Kennerin. Das Gedicht begleitet mich seit vielen Jahren und war und ist mir Inspiration als Mensch und als Künstlerin. Lesen Sie es auch als Mensch … jenseits der bekannten Zeilen über den Zauber, der jedem Anfang innewohnt.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Ich liebe Lebensphasen. Jede hat ihren Reiz und es lohnt, im Hier und Jetzt zu bleiben, ganz in der eigenen Mitte. Kein Blick zurück mit Traurigkeit, kein Blick auf das, was vielleicht, eventuell möglicherweise kommen mag. Nein. Nie stehen bleiben und dabei doch ganz in mir selbst sein. Das ist der Zustand, aus dem heraus mir alles möglich ist. Das klingt nach Ideal, ist es jedoch nicht, wenn man täglich immer wieder und wieder dieses Sein zu üben. Irgendwann kann man es immer besser. Irgendwann mag man diesen Zustand – und alles andere fällt schlicht weg.

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Die Buddhisten nennen das Nichtidentifikation. Frei von Anhaftungen sein und dabei erkennen, dass alles sein darf und nichts sein muss. … Auch das geht vorüber …

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Diese vielzitierten Zeilen verhüllen alles andere in diesem Gedicht. Ja, der Neubeginn hat seinen Reiz. Doch es gibt so viele andere wunderschöne Momente am Weg. Sich nur auf den Neubeginn, den Anfang zu konzentrieren, wertet den Weg an sich ab. Das finde ich schade. Es ist das Gesamthafte, das Leben ausmacht.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Die Aufforderung, den Weg zu gehen, mit all seinen Auf- und Abbewegungen, seinen Höhen und Tiefen – übers Jahr verteilt, das macht Leben aus. Nur nicht hängen bleiben, nur nicht im Ideal verfangen bleiben.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

Bleiben wir gefangen, so werden wir bequem. Es wird langweilig und wir werden unaufmerksam. Das macht uns nach einiger Zeit unzufrieden und unruhig. Es fehlt an Achtsamkeit und Bewusstsein.

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

So ist diese innere Unruhe Antrieb, weiterzugehen, weiterzudenken, zu probieren, zu fallen, zu scheitern, aufzustehen und es nochmals wieder und wieder zu versuchen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…

Das Leben schenkt uns in jedem Moment die Chance für den Neubeginn, für das Andere, das Einzigartige. Man muss es nur erkennen wollen – am einfachsten geht es über das Herz. Das hat immer Recht.

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Der Abschied und der Entschluss zum Weitergehen, zum Neubeginn ist immer eine Herzenssache. Kommt dieser Entschluss aus dem Kopf alleine, so ist nie mit dem notwendigen Momentum versehen, als wenn die Freude, die tiefe Liebe, die aus dem Herzen kommt, laut und klar sagt – es ist Zeit, weiterzugehen, sich zu erneuern … in diesem Sinne – gehen Sie hinter die Horizonte. Dort findet das Neue statt.

In diesem Sinne … Haben Sie eine besinnliche Zeit zwischen den Jahren und freuen Sie sich, dass Sie das alte Jahr gut gemeistert haben und seien Sie offen für das, was das neue Jahr uns allen bringt.

Bleiben Sie mir gewogen.

Ihre Andrea Riemer

www.andrea-riemer.de; Die wöchentliche Radiosendung SOULFOOD können Sie Mittwoch von 21-22 Uhr und Freitag von 6-7 Uhr unter http://www.radioplanet-berlin.de/ hören.

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