Riemers CulTour #17: Zum Leben als Künstlerin und Intellektuelle

Sehr oft fragen mich Menschen, wie ich die berühmte „Kurve“ zur Lebensmitte bekam und wie die aus mir wurde, die ich heute bin. Nicht ganz einfach, nein, keineswegs – sowohl im Leben als auch in der Beschreibung dessen, was ich erfuhr. Doch – ich will keinen Tag missen und keine Erfahrung will ich als nicht brauchbar bewerten. Das hat wohl auch ein wenig etwas mit meiner Grundeinstellung „auch das geht vorüber“ und mit meinem unerschütterlichen Optimismus und „geht nicht gibt’s nicht“ zu tun.

Doch wie schafft man es, um die Lebensmitte nochmals eine Rundumneuerfindung zustande zu bringen? Konkret und jenseits philosophischer Betrachtungen. Nun, es gibt dafür kein Erfolgsgeheimnis und kein Kochrezept mit Gelinggarantie. Schade … naja, ich weiß nicht. Ich mache es schon gerne „in my way“.

Fragen Sie KünstlerInnen und Intellektuelle. Jede/r wird Ihnen etwas anderes als „ihr höchstpersönliches Erfolgsgeheimnis“ vermitteln. Viele werden Ihnen abraten, sich neu zu erfinden, außer Leib und Leben sind bedroht. Das war bei mir nicht der Fall. Es war die Erkenntnis, dass alles Alte auserzählt war, ich nur mehr wiederholen konnte und nichts wirklich Neues erfinden konnte. Also – Ausstieg. Nicht Umstieg. Nein Ausstieg. Das ist die Voraussetzung, damit Neues auch tatsächlich beginnen kann und Wurzeln fassen kann.

Gibt es ein paar Wegmarken, die mehr als nur einen Blick lohnen? Ja – durchaus. Hingucken geht immer. Es hängt ja von einem selbst ab, was man in die Tat umsetzt.

Mir hat beispielsweise sehr geholfen, bewusst in die Stille und in die Ruhe zu gehen. Rauf auf den Berg, mit mir sein. Dann aufs Wasser und mit dem Kanu einige Tage paddeln. Das machte Herz und Kopf frei, hat mich jedoch nicht sofort in die Lösung gebracht. Es waren unzählige kleine Schritte, bis sich so etwas wie der neue Weg zeigte. Zu viele Gespräche mit Wohlmeinenden haben mich mehr verwirrt und mich zerstreut, als dass sie mir beim Finden meines Weges halfen.

Auch heute, wo ich meinen Platz als Schriftstellerin gefunden habe und ausfülle, auch heute ist mir Stille sehr wichtig. Dann erst nehme ich so richtig wahr und kann damit auch gewahr sein. Schreiben lebt vom Beobachten, vom Wahrnehmen, von anderen Menschen als ImpulsgeberInnen und als Spiegel. Daher mache ich nachwievor immer wieder meine Vorträge und meine Einzelberatungsgespräche. Sie sind eine wertvolle Ergänzung und zeigen mir, ob das was ich klug geschrieben habe, auch beim Menschen ankommt. Die Stille ist jedenfalls Voraussetzung, damit sich all das entfalten kann – aus meinem Inneren.

Wenn ich Gespräche führte, dann war es mit Menschen, denen ich vertraue und die mir konsequent ihren Standpunkt darlegten – mit allen Konsequenzen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Es geht ja nicht um die berühmte Schönrederei, sondern um konkrete Hinweise, wie es weitergehen kann. Das ist nicht immer angenehm, doch je mehr Widerstand in mir war, umso eher habe ich hingeguckt. Jedes Mal war es wichtig, mir dafür die Zeit zu nehmen.

Abwechslung und einmal nichts denken ist auch hilfreich. Wir neigen dazu, Dinge zu sehr zu analysieren. Im Kopf findet nur ein Bruchteil dessen statt, was Leben und Neuerfindung ausmacht. Das Meiste kommt aus dem tiefsten Inneren, aus dem, was man gemeinhin als Herz bezeichnet. Mit dem Herz meine in die imaginäre innere Mitte, die laufend mit uns kommuniziert – wenn wir hinlauschen wollen. Da ist sie immer, unaufhörlich, beharrlich und liebevoll. Am ehesten kommt sie zu uns, wenn wir nicht wollen, klammern und tun und Stille in unser Leben einkehren lassen und zum Beispiel gedankenverloren spielen, dahinschlendern, atmen oder schlicht nichts tun. Dann – dann ist das Neue einfach da, wenn die Zeit dafür reif ist. Da lässt sich nichts akzellerieren.

Diese drei Parameter mache ich auch immer wieder bei KünstlerkollegInnen aus. Sie sagen mir sehr Ähnliches. Also kann es nicht so ganz falsch sein mit der Stille, dem Vertrauen und mit ein wenig Abwechslung.

In diese drei Parameter zu investieren, bringt einem für die eigene Neuerfindung sehr, sehr viel. Es gibt natürlich noch eine Menge an weiteren Aspekten. Doch diese drei halte ich für die wesentlichsten, jedenfalls waren sie es für mich auf meinem Weg.

Die Disziplin, sich an den Moment hinzugeben, dranbleiben, aufstehen, wenn man fällt, Geduld – auch nicht schlecht, wenn man diese Facetten miteinbindet. Zumindest zeitweilig sind sie sehr hilfreich. Sie sind eine Art Struktur am Weg.

In einer Zeit, wo Veränderung sehr stark spürbar geworden ist und Sicheres überhaupt nicht mehr sicher ist, sind dies Anregungen, wie man mit der Neuerfindung umgehen kann. Und hat man das Seine gefunden, dann geht es erst so richtig los. Konkrete Inhalte sind festzulegen. Tragfähige Strukturen sind aufzubauen. Auch da beginnt das Spiel von vorne. Es sind die gleichen Zutaten, die einen am Weg begleiten.

Und irgendwann – man fühlt es – hat man dann die Neuerfindung geschafft. Mit allen Höhen und Tiefen, allen Fortschritten und Rückschritten, mit allen Hauptstrassen und Nebenstrassen und jeglichem Wetter.

Und dann steht man da, hat sich und seinen Weg gefunden, ist ihn mit allen Mühen gegangen – was geschieht dann? Dann ist auch einmal genießen und sich erfreuen angezeigt. Das ist gar nicht so einfach. Jetzt geht es jedoch um das vielzitierte Sein – aus dem sich ein leerer Raum entwickelt – und aus diesem entsteht wieder das nächste Neue, die nächste Neuerfindung. Stehenbleiben ist nicht möglich, und seien die Bewegungen im Mikrobereich. Und das ist das Leben einer Künstlerin, einer Intellektuellen, eines Menschen, dem die Neugierde und die Offenheit in die Hand und ins Herz geschrieben sind.

Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

 

Zu Andrea Riemer: https://www.andrea-riemer.de/

Das neue Buch „Botschaften vom Leben“ – mehr mit Leseprobe und Bestellungmöglichkeiten unter https://www.andrea-riemer.de/das-neue-buch-botschaften-vom-leben/

SOULFOOD – Die Radiosendung – jede Woche Mittwoch von 21.00 bis 22.00 Uhr und Freitag von 06.00 bis 07.00 Uhr als Wiederholung http://www.radioplanet-berlin.de/ 

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