Riemers CulTour #20: Gibt es Erfolgskriterien für KünstlerInnen als Einzelperson: Bekenntnisse

Ich befasse mich seit vielen Jahren mit der Frage, ob es Erfolgskriterien für KünstlerInnen gibt. Dies umfasst die Frage, was künstlerischer Erfolg sein kann, ob und wie man ihn bemisst – jenseits von Verkaufszahlen und Klicks auf sozialen Medien. Dabei gehe ich mittlerweile auch hier den Weg nach innen und frage – was kann, darf, muss ich als Künstlerin tun, wenn ich Erfolg haben will, d.h. wenn ich von Menschen wahrgenommen, gehört, gelesen werden will. Wenn ich rezipiert werden will und wenn ich möchte, dass meine Gedanken Verbreitung finden – was ist zu tun und was ist zu unterlassen?
Natürlich können Sie nun sagen, ich spräche wieder von Zahlen, Daten und Fakten. Ja – Sie haben Recht – doch das ist ein Teil des Ergebnisses (die Betonung liegt auf ‚ein‘), es ist jedoch nicht der Weg. Sie können nun einwenden, Weg und Ziel sind eins. Sie lassen sich nicht voneinander trennen. Auch da haben Sie durchaus Recht.
Ich will Sie jedoch als LeserInnen näher an uns KünstlerInnen exemplarisch heranführen und Ihnen das eine oder andere weniger Bekannte auf der Straße zum Erfolg näherbringen. Manches mag Ihnen selbstverständlich erscheinen. Manches wird Sie überraschen. Und bei manchem werden Sie sagen – ach – das mache ich doch auch und ich bin kein/e KünstlerIn. Und Sie haben wieder Recht. Es handelt sich da und dort auch um „allgemeine Erfolgskriterien“, die bei KünstlerInnen nochmal eine Raste dazubekommen, um wirklich den Durchbruch zu schaffen und vor allem um das Niveau längerfristig zu halten.
Daher will ich mich in den kommenden Wochen dem Erfolgsweg und Erfolgsziel von KünstlerInnen widmen. Sie werden lesen – es gibt nicht nur den einen Weg und das eine Ziel. Es ist viel Variation dabei. Ich bin überzeugt, dass Sie auch die eine und andere Anregung für sich finden.
Der Untertitel lautet ja „Bekenntnisse“. Dazu will ich einen längeren Gedanken des Dirigenten Ingo Metzmacher mit Ihnen teilen:
„Jede große Musik ist Bekenntnis. Sie bekennt sich rückhaltlos. Sie steht zu sich, stellt sich, so wie sie ist. Sie hat keine Angst, verlacht zu werden. Fürchtet nicht, missverstanden zu sein. Sieht ihren Weg, folgt ihm ohne Rücksicht, ohne Scheu. Sie weiß um ihre Wahrheit, spürt, dass sie unverletzbar ist. Trägt Ablehnung mit Würde und Feindschaft mit Gelassenheit. Fühlt sich nur sich selbst verantwortlich, hört nicht auf andere, beugt sich nicht fremdem Rat. Sie kennt ihren Wert, sie verteidigt ihn, sie lässt sich nicht beirren. Und hofft insgeheim auf den Tag, da sie erkannt wird, von wem auch immer. Als das, was sie ist. Als Zeugnis eines unbedingten künstlerischen Willens, als Äußerung einer Stimme, die sich nicht verbiegen lässt.“ (Keine Angst vor neuen Tönen. Eine Reise in die Welt der Musik,
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2006, S. 136).
Was Metzmacher über Musik schreibt, gilt für Kunst im Allgemeinen allemal. Nur haben die meisten der so genannten und selbsternannten KünstlerInnen sehr oft vergessen, eine klare, entschiedene und vor allem mutige Haltung, in der Handwerk und Intuition in einer zeitgemäßen Mischung verbunden sind, einzunehmen. Entweder überwiegt das eine oder das andere. Doch es kommt auf die Mischung an, auf die Balance – und die braucht Übung und Geduld. Sie stellt sich nicht automatisch und gottgegeben ein. Abheben in höhere Sphären alleine ist ebenso zu wenig wie das Verhaftetbleiben am Boden. Genau in der ausgewogenen Kombination liegt ein wesentliches Erfolgsgeheimnis.
Das Bekenntnis, dem ein bewusster innerer Prozess vorangeht, hilft, am Weg zu bleiben, klar zu sein, auch wenn es da und dort verschwommen und nebelig ist, wenn Widerstände auftauchen, wenn es scheinbare Misserfolge gibt und wenn es dauert, bis man wahrgenommen und anerkannt wird. Bekenntnis bedeutet für mich auch – ich stehe zu mir, meinem Auftrag, meinen Werten, meinem inneren Rahmen. Dazu setze ich mich mit diesen Aspekten auch immer wieder auseinander, justiere gegebenenfalls nach und bereits so den Boden, die nächste Stufe auf meinem Weg zu erklimmen. Das ist aus meiner Sicht ein völlig normaler Prozess. Bei vielen KollegInnen fehlt mir das oder etwas ähnlich Geartetes. Vieles ist dem sogenannten Zufall überlassen. Das ist natürlich auch ein Weg und der kann zum Erfolg führen. Erfahrungsgemäß ist eine innere Struktur dabei jedoch sehr hilfreich. Und das meine ich auch mit Bekenntnis. Bekenntnis führt zu Wahrhaftigkeit – zur so oft in letzter Zeit geforderten Wahrhaftigkeit in diesem Markt der Kunst, die mittlerweile eher einem Gemischtwarenladen gleicht.
Ich beobachte, dass so viele meilenweit von Wahrhaftigkeit entfernt sind. Von Bekenntnissen im oben angeführten Sinn und allem, was dazugehört, hält man nur wenig. Die hohe Außenorientierung fordert mehr und mehr ihren Tribut. Vieles ist Mittelklasse und Edelroutine geworden – austauschbar, uninteressant, ein Massenprodukt. Manch einer ist in einen Rahmen von ManagerInnen gedrängt, die diesen gut tun, jedoch der/dem KünstlerIn eher weniger. Vor allem ist die künstlerische Weiterentwicklung nicht möglich.
Kunst lebt heute oft von vermeintlichen Höhenpunkten, von einer Forderung nach Ubiquität, die letztlich unsinnig ist, weil man damit auch nur Mittelmaß produziert. Auf diese Weise ist die/der KünstlerIn nicht mehr so in der Rolle, wie es die Aufgabe in all ihrer Komplexität verlangt. Kunst, die derart viel auf Effekte und auf den Medien-Hype setzt, ist kurzlebig und langweilig. Kunst, die sich ausschließlich an Verkaufszahlen orientiert, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie eine Kunst, die sich ausschließlich von formal-ästhetischen Parametern leiten lässt. Dass es dabei zu großen Diskrepanzen kommen kann, liegt auf der Hand – und dass die Überwindung dieser Diskrepanzen die große Herausforderung für wahre KünstlerInnen ist, ist ebenfalls naheliegend. Doch das ist die Straße zur Wahrhaftigkeit. Und die braucht ein klares Bekenntnis.
Kunst ist auch weder moralisch noch unmoralisch. Es ist der Umgang mit Kunst und mit künstlerischen Konzepten, welcher sie in unserer Vorstellung moralisch oder unmoralisch sein lässt. Jedenfalls ist Kunst immer ausdauernd und gleichzeitig flexibel, klar, mutig, einzigartig und – bekennend.
Kunst ist in meinem Verständnis die Synthese von scheinbaren Widersprüchen gepaart mit der Virtuosität in der Ausführung. Etwas alleine vom Konzept her spielen zu können reicht nicht aus, um es als virtuos zu bezeichnen. Das erscheint mir so, als ob man Beethovens 5. oder Mahlers 8. brav vom Blatt spielen – das ist schwierig genug, es ist jedoch einfach nur brav, vielleicht auch technisch richtig und es fallen nicht allzu viele Noten unters Pult und bei Mahler laufen weder das Orchester noch der Chor davon – nur – es ist eben nicht virtuos – und das wissen auch WeltklassedirigentInnen. Nicht jede Musik ist für einen geeignet, passt zur Persönlichkeit und lässt Virtuosität zu. Nicht jedes Stück ist für einen geeignet und lässt das Ausspielen aller Facetten der Fähigkeiten und Begabungen zu.
Da gehört schon das gewisse Etwas mehr dazu. Das braucht Raum, Zeit und Erfahrung – und vor allem Gespür und Fachwissen, Autorität, Hingabe und Inspiration. Es braucht auch das Erkennen seiner Grenzen. Nein zu sagen ist oft viel schwieriger als Ja zu sagen. Nicht jeder/m Weltklasse-WagnerdirigentIn ist Mahler gegeben. Nicht jede/r Weltklasse-DirigentIn ist ein hervorragender Generalmusikdirektor. Manches Mal ist sie/er als ChefdirigentIn einfach um Klassen besser. Das zu er- und zu bekennen verlangt Größe und Mut. Es ist Ausdruck von Wahrhaftigkeit. Daniel Barenboim nannte dieses Verhalten die „positive Selbstbeschränkung“. Und das gilt meiner Meinung und Erfahrung nach für alle Formen von Kunst. Das Erkennen der eigenen Grenzen ist ein unabdingbarer Teil von Bekenntnis.
KünstlerInnen existieren nicht in einem von Leben losgelösten Kosmos – auch wenn man gelegentlich den Eindruck bekommen könnte, dass dies sehr wohl so sei. Ich habe in vielen Jahren der Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen KollegInnen erfahren, dass auf diesem Weg des Bekenntnisses und der Wahrhaftigkeit der Dialog aus Fürsprache und Kritik ganz wesentlich ist. Nur aus Reibung entsteht Entwicklung, die zur Formung des Eigenen unabdingbar ist. Es ist die Synthese aus beidem, die Kunst unwiderstehlich macht. Dann – und nur dann – wird Kunst zur Haltung, zu einer Form von Bekenntnis, einer Form von Dazustehen – und das muss alles erkennbar und fühlbar sein. Bekenntnis ist dann auch, dass man einer Zusammenarbeit nicht nähertritt bzw. eine Zusammenarbeit beendet, wenn das eigene Bekenntnis in Frage gestellt wird und man damit eklatant vom eigenen Weg abkommt.
Zum Abschluss einige Gedanken des Dirigenten Franz Welser-Möst: „Die Missachtung der Tradition, eben im kritisch hinterfragenden Sinn von „Weitertragen“, in Zeiten in denen ein Interpret mit medialer Unterstützung eine Blitzkarriere machen kann, auch wenn ihm die Grundlagen für eine seriöse Arbeit fehlen, geht übrigens Hand in Hand mit der Geringschätzung des künstlerischen Handwerks. Die Erarbeitung einer Beziehung zum Kunstwerk – und das kann mühsam sein – ist die Voraussetzung für eine Ansicht über dasselbe. Das kann am Ende bedeuten, dass das Resultat nicht „neu“ ist, aber es wird in seiner Echtheit des Zuganges überzeugen.“ Franz Welser–Möst: Kadenzen. Notizen und Gespräche. Aufgezeichnet von Wilhelm Sinkovicz, Styria 2007, S. 37.
Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.
Zu Andrea Riemer: https://www.andrea-riemer.de/
Das neue Buch „Botschaften vom Leben“ – mehr mit Leseprobe und Bestellmöglichkeiten unter https://www.andrea-riemer.de/das-neue-buch-botschaften-vom-leben/ … Gucken Sie auch in die Rezensionen bei Amazon.
SOULFOOD – Die Radiosendung – jede Woche Mittwoch von 21.00 bis 22.00 Uhr und Freitag von 06.00 bis 07.00 Uhr als Wiederholung http://www.radioplanet-berlin.de/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s