Riemers CulTour #21: Gibt es Erfolgskriterien für KünstlerInnen als Einzelperson: Disziplin und Hingabe

Wann immer ich von Disziplin und Hingabe in der Kunst schreibe und spreche, nehme ich ein gewisses Unverständnis war. Zu viel, zu schwer, zu aufwendig, ja ein bisschen, doch dann lockt mich anderes weg, keine Zeit, unspektakulär, zu handwerklich. Nein – das geht doch gar nicht …

Nun denn – kreativ sein ist offenbar hipper, bunter, lustiger, freier. Bei mir ist das etwas anders. Ich liebe Disziplin und Hingabe – darunter verstehe ich, mich an den Moment, an das Jetzt, an die Zeit zwischen zwei Atemzügen voll und ganz, ungeteilt, also diszipliniert, hinzugeben. Das fordert für mich vor allem ein ‚in die Stille gehen‘. Nichts darf klingen und alles muss möglich sein. Dafür bedarf es auch des entsprechenden Ortes, der oft nicht am Schreibtisch ist. Nachdenken kann ich nur in Stille und im Mit-mir-Sein; erst dann entsteht in mir Klang; beides bedingt einander. Es geht wieder um das Wechselspiel, die Symbiose und das Sein derselben. Es geht ausdrücklich nicht um ein Entweder-Oder – vielmehr geht es um ein Sowohl-als-Auch.

Wenn ich für ein Buch beispielsweise Ideen sammle, dann halte ich diese gerne mit Post-Its fest. Ich habe schon an den unmöglichsten Orten zu den unmöglichsten Momenten geschrieben. Schreiben zwingt einen sehr grundsätzlich, seine Gedanken fassbar zu machen. Es reicht nicht aus, Dinge im Kopf und im Herz zu haben. Irgendwann muss man sie materialisieren und dies ist nur über das Schreiben in einem ersten Schritt möglich. Komplexes umsetzen zu wollen, ist aus meiner Erfahrung ohne Schreiben unmöglich. Es verlangt nach Struktur, nach Disziplin – einfach nach Aufschreiben.

Jemand, der ein Instrument spielt, wird die Forderung nach Disziplin und Hingabe wie ich sie verstehe und beschreibe, voll bestätigen. Ich schreibe hier über den Moment und nicht über Stunden, wo man sich mit Übungen selbst triezt. Ich schreibe über eine innere Haltung samt dazugehörigen Empfinden.

Disziplin und Hingabe fallen einen üblicherweise nicht in den berühmten Schoß. Daher ist das Üben der Disziplin, um sich ans Leben hingeben zu können und im Jetzt zu sein, so wesentlich. Carpe diem ist eines der am meisten zitierten Lebensprinzipien. Wie viel leben wir davon und wie viel ist pures Lippenbekenntnis?

Vergangenheit und Zukunft sind letztlich geronnenes Jetzt. Blendet man den Moment aus, so blendet man sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft aus. Wir neigen dazu, genau dieses Jetzt zu übersehen und zwischen Vergangenheit und Zukunft hin– und herzuspringen. Damit vertun wir das Wertvollstes – eben den Moment des Jetzts – und bewegen uns von uns selbst weg. Nur im Jetzt sind Disziplin und Hingabe möglich. Sie sind untrennbar miteinander verbunden.

Ordnung, Disziplin und Klarheit in Gedanken, Worten und im Tun – sie sind letztlich kristallisierte Energien und erzeugen unsere so genannte Wirklichkeit, sind wesentliche Instrumente für eine/n erfolgreiche/n KünstlerIn. Auch dies ist eine Frage der Eigenverantwortung und der Verantwortung gegenüber dem Ganzen. Er/sie muss von seinem/ihrem Handwerk etwas verstehen und es auch bis ins Detail beherrschen und vor allem anwenden. Dies bedarf einiger Übung – oft über viele Jahre – auch wenn es einem keinen Spaß macht. Es geht wieder um Disziplin und Hingabe. So wie man Geläufigkeitsübungen am Klavier oder auf der Bratsche macht, um die Finger so rasch und präzise wie möglich über die Tasten und auf den Saiten zu bewegen, so geht es auch beim Schreiben, das ja viel mehr als das bloße Tippen ist. Handeln, um Gedanken und Worte konkret werden zu lassen, setzt die Überwindung des inneren Schweinehundes voraus, es setzt Disziplin und Hingabe voraus. Es setzt die Überwindung von Selbstzweifeln, Ängsten, Unzulänglichkeiten, Ausflüchten, Apathie und anderen sehr guten Ausreden voraus. Und es setzt immer wieder Alleingänge voraus, ein sich aus den Zwängen und guten Ratschlägen Befreien, ein mutiges Voranschreiten – auf Himmel komm raus, bewusst, verantwortungsvoll und vertrauend.

Gedanken sind Wirklichkeit schaffende Energien. Umso wichtiger sind dabei regelmäßige Gedankenhygiene und Gedankendisziplin. Glaube ist dabei die innere Gewissheit der Erfüllung. Damit verstärkt der/die KünstlerIn das Prinzip der Resonanz. Auch das braucht Disziplin und Hingabe.

Beide verlangen übrigens auch nach einem bedingungslosen Bei–der–Sache–sein. Multitasking ist wohl eine der absurdesten Forderungen an eine/n KünstlerIn, denn das Kleine zu erkennen und dabei den Überblick zu behalten, hat nichts mit Multitasking zu tun. Im Moment bleiben – denn es gibt nur den einen.

Das gleiche gilt für die Forderung nach Ubiquität. Ein/e KünstlerIn kann nicht alles können, und er/sie muss keinesfalls alles können. Fordert man dies, so kommt bestenfalls ein austauschbares Mittelmaß heraus, und das darf keinesfalls sein. Die Forderung, mit dem gesamten Sein im Hier und Jetzt zu sein, kommt Disziplin und Hingabe deutlich näher.

Gedankenloses Üben von Tonleitern und Dreiklängen ist tatsächlich sinnlos, genauso wie es sinnlos ist, sich Berge an Büchern zu kaufen, sie oberflächlich durchzulesen, auf der Leseliste abzuhaken und sie ins Bücherregal zu stellen. Gleiches gilt für das Guru–Shopping, wo man von einem Seminar zum nächsten zieht, bis man das hört, was man hören will – ohne Veränderungszwang, unverbindlich – und dann klagt, dass es sich um eine teure Investition handelt und letztlich nichts bringt. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es – die alte Weisheit darf auch in diesem Zusammenhang als geltend angenommen werden.

Disziplin und Hingabe gelten als Prinzipien für Gedankenhygiene, für das Leben, das Anwenden all der Möglichkeiten, die dargeboten werden. Disziplin und Hingabe meinen das Dranbleiben an einer Sache, einer Idee, das sich immer wieder Leermachen, damit etwas in einem gefüllt werden kann. Es geht dabei nicht um etwas Krampfhaftes, um etwas Notwendiges, sondern um das fokussierte und gleichzeitig mutig lockere Dranbleiben an einer schönen Möglichkeit. Es ist nicht eine ausschließliche Kopfsache, diszipliniert und hingebungsvoll zu sein, sondern es ist das Zusammenspiel aus Geist-Körper-Seele, das letztlich zum Erfolg führt.

Disziplin und Freiheit sind nur scheinbare – illusorische – Gegensätze. Disziplin ist die Tür zur Freiheit. Gleichzeitig ist auch klar: Es gibt keine Freiheit ohne Form und Struktur. Es ist ein Paradoxon, wenngleich Freiheit ein natürliches Geburtsrecht ist, müssen wir uns dieses erarbeiten. Disziplin bedeutet, konsequent ein wenig mehr zu tun, tiefer zu gehen, sich durchzubeißen, dranzubleiben, neugierig zu bleiben. Disziplin bedeutet auch, Prioritäten zu setzen, Kräfte und Gedanken zu sammeln, im Hier und Jetzt, im Augenblick zu sein. Dann – und nur dann – kann man in die Hingabe an das jetzt zu Tuende gehen und sein.

Es ist die feste innere Überzeugung, jetzt das zu tun, was zu tun ist. All dies umspannt das Wesen von Disziplin und Hingabe – in der Kunst wie im sogenannten „normalen“ Leben. Schön ist es, wenn Leben dabei zur gestaltenden und gestalteten Kunst wird.

Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

Zu Andrea Riemer: https://www.andrea-riemer.de/

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