Riemers CulTour #23 Gibt es Erfolgskriterien für KünstlerInnen als Einzelperson: Die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten

 

Gerne will ich diese Woche mit einem Thema fortsetzen, das mir als langjährige Buchautorin am Herzen liegt. „Grenzen“ ist für KünstlerInnen ein ganz wesentliches Thema. Es hat viel mit der eigenen Einschätzung, der Wertschätzung der eigenen Fähigkeiten, Begabungen und Talente zu tun. Und es hat viel mit der Definition über das vielzitierte und doch so unspezifische Außen zu tun. Es geht also viel mehr um Be-Grenzungen, die wir uns aufziehen, als dass wir tatsächliche eigene Grenzen erkennen. Dabei empfinde ich Kunst immer als eine Form von Grenzüberschreitung im Sinne – was geht, was traue ich mir zu, was traue ich dem Publikum zu …

Was ist der Unterschied zwischen Grenzen und Begrenzungen? Warum ist dieser Unterschied derart wichtig – nicht nur, jedoch vor allem für KünstlerInnen?

Grenze und Begrenzung sind nicht dasselbe. Eine Grenze zieht man, um die eigene Identität und die Wünsche zu definieren. Sie ist wesentlich, um sich zu erkennen. Begrenzungen hingegen sind alte Muster, die einen am Weiterkommen hindern. Oft existieren sie unbewusst – man ist sich ihrer nicht bewusst – und dennoch sind sie da und halten einen vom eigentlichen Leben ab. Es gibt auch keine Begrenzungen – außer jenen, die man selbst bastelt. Beschränkt man sich (=Freiheit) durch alte Gebote, Verbote, Glaubenssätze, Zweifel, Ängste etc., so ist automatisch der Wert betroffen (=denn man schein-darf ja das eine oder andere nicht; man meint, etwas nicht zu können etc.).

Das bedeutet, das bewusst gezogene, natürliche Grenzen sind wesentlich für die Identifikation eines selbst. Wenn man nicht weiß, wer man selbst ist, dann kann man sich nicht unterscheiden. Unterscheidung ist wichtig, um überhaupt existieren zu können. Meist handelt es sich um intuitiv gezogene Grenzen, die das Ich und das Andere differenzieren. So wird eine ungewollte Verschmelzung verhindert. Damit gelingt es, bewusst sein Ich zu definieren. Und das ist überlebenswichtig und hat nichts mit Narzissmus und Hyper-Egoismus zu tun. Um das Ich im Kollektiv klar zu machen, sind persönliche Grenzen erforderlich – aus Eigenschutz und auch zum Schutz der anderen. Grenzüberschreiter sind für sich und für andere eine große Herausforderung. Es geht dabei um das Finden des eigenen Platzes in der Familie, in der erweiterten sozialen Gruppe wie in Freundschaftsnetzwerken, im Beruf und in der Gesellschaft. Dies ist der absichtsvolle Teil. Gerade für KünstlerInnen, die in ihrem Wesen oft sehr transparent und durchlässig sind, sind bewusst gezogene Grenzen wesentlich, weil sie auch das Überleben sichern und die/den einzelne/n am Aufgehen und am Aufgesogenwerden hindern. Sie halten den Menschen im Sein und vor allem im Konkretsein.

Der weniger bewusste und daher weniger absichtsvolle Teil wird durch die Begrenzungen repräsentiert. Begrenzungen in Form von alten Mustern, bewusst und unbewusst übernommenen Glaubenssätzen, dem Nachleben von Vorbildern und Familienmustern, Muster aus dem Freundeskreis bzw. der sozialen Gruppe, der man angehört, oder aus dem Beruf sind wohl eine der großen Herausforderungen. Gekoppelt mit Zweifeln, Ängsten und Sorgen, als stark emotional aufgeladenen Mustern, ist dies eine teuflische Mischung. Man sagt, man denkt, man macht – das Unpersönliche versteckt das Muster und damit die Begrenzung. Begrenzungen werden freiwillig oder unfreiwillig übernommen, weil man sich damit eine Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen verspricht. Gehört es zum guten Ton, dass dieses und jenes eine brotlose Kunst ist? Ist es normal, dass nur Hollywood Stars viel Geld verdienen? Stimmt es, dass Erfolg seinen Preis hat? Ich kann diese Standardsätze beliebig fortsetzen und höre sie immer wieder und wieder von KollegInnen. Wen wundert es, dass dann nichts weitergeht?!

Besonders tricky sind Konventionen. Sie gelten als das Eintrittsticket, um einer größeren Gruppe zu gefallen, um zu entsprechen, um anerkannt und letztlich geliebt zu werden – und damit das Urbedürfnis in uns zu stillen. Das zeigt sich sowohl in der Sprache als auch z.B. in der Kleidung. Die Uniform wird zum Eintrittsbillet, um mitmachen zu dürfen und dabei zu sein. Damit wird ein weiteres Urbedürfnis – das Angehören einer sozialen Gruppe – gestillt. Wenn man mit fremden Mustern und Glaubenssätzen beladen ist, wird das Ich zugedeckt. Es kann nur ganz schwach zum Vorschein kommen und ist von Hindernissen umgeben. Dann liegen keine bewusst gezogenen Grenzen vor, die das Sein ermöglichen, sondern unbewusste und auch bewusste Begrenzungen. Sie schränken die Weiterentwicklung und Ausdehnung ein. Oft übernimmt man so manchen Ballast aus der Herkunftsfamilie – von Eltern oder Großeltern – und noch öfter weiß man es gar nicht, sondern lebt so dahin – von einer Unzufriedenheit in die nächste. Nun sind Begrenzungen grundsätzlich weder positiv noch negativ. Sie werden durch Wertung dazu bzw. durch ihr Nichterkennen. Dann werden Begrenzungen zum Hindernis, zum Showstopper und sie halten letztlich vom Leben fern.

Für KünstlerInnen gilt das Erkennen von Begrenzungen als wesentliche Aufgabe. Was traut man sich zu? Was kann man? Was darf man? Wo überschreitet man ganz bewusst Grenzen, die als Begrenzungen erkannt wurden? Wo schert man aus Bekanntem aus? Wo pointiert man ganz bewusst, um den Kern eines Themas zu zeigen? usw. Die Fragen sind bloß exemplarisch zu lesen.

Manches Mal ist das Erkennen und Umpolen von Begrenzungen einfach – erkannt, benannt, umgepolt und gelebt. Manches Mal wird man dabei bis ans Letzte gefordert und es ist eine Riesenleistung zu erbringen, um sich aus dem Begrenzungsgeflecht zu befreien – vor allem wenn das Außen einem versucht einzureden, wie ‚gut, bequem und sicher‘ diese Begrenzungen sind. Die brotlose Kunst. Mit Schreiben kann man kein Geld verdienen. Der Schriftsteller, der am Hungertuch nagt … fantasieren Sie weiter. Doch bedenken Sie, es sind imaginäre Rucksäcke, die wir oft herumschleppen und die uns am Weiterkommen und vor allem Leben des eigenen Auftrags hindern. Wie wäre es, diesen Rucksack auszuräumen, zu sehen, was noch brauchbar ist und leichtfüßig, doch sehr gut verbunden weiterzugehen? Einfach zum Nachdenken und Hineinspüren … ob Sie nun KünstlerIn sind oder auch nicht…

Das Erkennen und Benennen dieser Hindernisse ist ein wesentlicher Schritt zu sich selbst. Dabei geht es nicht um spektakuläre Schritte und Maßnahmen. Es reicht der Blick hin – mit Mut und Veränderungsabsicht, um zur eigenen Wahrhaftigkeit zu gelangen. Die Umsetzung im Sinne des Loslassens von Begrenzungen kann schon mit einigem Aufwand verbunden sein – vor allem wenn man damit aus der bequemen Komfortzone aussteigt. Und dann wird das scheinbar Unmögliche möglich – weil man es für möglich hält.

Dann, ja dann spielt man auf, spielt sich frei, ist ganz sich selbst und bringt das Wertvollste für die Allgemeinheit zum Strahlen. Das wünschen sich ja viele KünstlerInnen.

Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

 

Zu Andrea Riemer: https://www.andrea-riemer.de/

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