Riemers CulTour #25: Gibt es Erfolgskriterien für KünstlerInnen Team: Einheit und Vielfalt

 

Wenn man als KünstlerIn in Teams agiert, wie z.B. im Rahmen einer Opern- oder Theaterproduktion, dann zeigt sich oft, dass eingespielte Ensembles sich vom gegenseitigen Zuhören und Zusehen erkennen, was der andere macht und auch will. Das ist auch der Sinn dieser Zusammenarbeit. Sie ist nicht Drill – bei aller Übung. Sie ist nichts Maschinelles voll Routine. Man muss die Zusammenarbeit und auch letztlich das Ergebnis neben allem Handwerklichen fühlen können.

In die Musiksprache beispielsweise übersetzt heißt das, dass z.B. der Dirigent und Regisseur Vermittler dessen ist, was andere geschaffen haben. Der Dirigent adaptiert eine Komposition auf einen Raum hin – er nutzt die Magie des Ortes und ist seinem Orchester, weil er direkt schöpft, immer einen Schritt im Voraus. Der Regisseur integriert seine Akteure und deren Fähigkeiten zu einem Körper, der sich letztlich selbst spielt. Er schöpft sich durch die Akteure. Sein Voraussein spielt sich zeitlich auf einer anderen Ebene als beim Dirigenten ab. All das spiegelt sich in der Dramaturgie wider. Die Arbeit muss sehr bewusst erfolgen, denn ansonsten überfordert man das Kollektiv und scheitert, weil man sich zersplittert. Es erfordert auch ein hohes Maß an Erfahrung, Ruhe und Gelassenheit – und vor allem erfordert es klare Ziele und ein bewusstes Erfüllen der Rolle des/der Führenden. Man oszilliert immer wieder zwischen dem Individuum und dem Kollektiv. Es ist das gleichzeitig kraftvolle Wahrnehmen und Erarbeiten von Informationen aus unterschiedlichsten Bereichen und das gleichzeitige Gestalten – sehr oft ohne Sicherheitsnetz. Alle haben dabei letztlich ihre Befindlichkeiten und Partikularinteressen zurückzustellen. Jeder drückt sich selbst aus und hört gleichzeitig dem anderen zu. Jeder Konflikt, der sich naturgemäß dieser Arbeit ergibt, trägt ein Veränderungspotenzial in sich – in die positive Richtung. Dies setzt voraus, dass die Involvierten die Lage erfassen, dass sie die Argumente der anderen Seite begreifen und als begründbar annehmen.

Letztlich ist es erforderlich, zuzulassen, dass die ‚anderen Argumente‘ das eigene Denken und den Horizont erweitern. Dem/der Führende kommt dabei eine wesentliche Rolle zu – viel hängt dabei von seinen psychologischen und kommunikativen Fähigkeiten ab. Dazu muss man ganz bewusst auch in die auf Zeit verliehene, eigene Macht gehen, sie annehmen, um zu gestalten. Als Dirigent oder Regisseur ist man Letztverantwortliche/r und Leitende/r. Das muss man sich immer wieder bewusst machen und dabei keinerlei Zweifel aufkommen lassen. Dazu muss man wissen, wohin die künstlerische Reise geht, er muss dazu stehen und dies vermitteln. D.h. man Führung gefühlsmäßig und faktisch vermitteln. Dann folgen die MitspielerInnen kraft ihrer Selbstdefinition. Hier gelten die Prinzipien: Wer ermutigt, ermächtigt und lobt, der führt.

So ist auch klar, dass die/der Führende auch ein Spiegel seiner Akteure. Er weiß, dass seine/ihre Worte und seine/ihre Taten übereinstimmen müssen, um so Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Dies benötigt Raum und Zeit. Er ermöglicht das Einfügen des Einzelnen in etwas Ganzes unter Berücksichtigung von Zielen, Wegen und Mitteln. Dafür trägt er/sie die Verantwortung. So ist man sich auch bewusst, dass er/sie der Anstoß für eine Veränderung von geistigen Gebäuden, Mentalität und Narrativen sein kann – wenn er/sie will.

Führende und Geführte bilden eine Einheit. Nichts läuft, wenn diese nicht auch in ihrem Fach etwas zu sagen haben. Beide Seiten sind zugleich Führerende und Geführte. Eingespielte Strategieteams kennen vom gegenseitigen Zuhören und Zusehen, was der andere macht. Und dabei darf jeder seine Begabungen einbringen, die oft weit gespannt sind und beim dramatischen Koordinieren beginnen und sich bis zur Vermittlung verschiedener Bereiche ausdehnen können. Dazwischen gibt es eine äußerst vielfältige Spannbreite.

So ergibt es sich, dass man in einem komplexen Geflecht voneinander abhängig und aufeinander angewiesen ist. Dazu müssen der/die Führende und die von ihm Geführten etwas gemeinsam haben und das muss sich auch vermitteln lassen. Er/sie muss mit einem Konzept beginnen, das er klar in sich trägt und gleichzeitig muss er bereit sein, dieses völlig aufzulösen und neu zusammen zu setzen. Er/sie unterstützt die Fähigkeit seines Teams und erkennt, wie er den Einzelnen abzuholen hat (mehr auf der rationalen Ebene, mehr auf der emotionalen Ebene). Gleichzeitig muss sich das Team seine Eigenart auch ohne ihn erhalten.

Als Führende/r kann man von einem starken Partner profitieren. Ein Team, das selbstbewusst anbietet, inspiriert seine Arbeit. Dies gilt insbesondere dann, wenn man das Unmögliche, die vermeintliche Unerreichbarkeit in der Ambition vor Augen hat – was nahezu eine Berufsvoraussetzung ist. Wie man mit der Mannschaft umgeht, wie man sie fordert und gleichzeitig fördert – auch das ist Teil des diffizilen Verständigungsprozesses, der Persönlichkeit und beharrliche Übung verlangt.

Führung hat dabei viel mit Geben und Nehmen zu tun. Es verlangt, den Rhythmus zu beherrschen und ihn laufende zu optimieren. Als Führende/r ist man mitten drinnen und nicht nur dabei. Dabei sind sich alle bewusst, dass Führung sui generis undemokratisch ist. Es herrscht – wie in der Musik – eine grundhierarchische Ordnung von Haupt– und Nebensträngen und Begleitsträngen. Diese Hierarchie belässt jedoch die Individualität des Einzelnen unberührt, wenn auch nicht alle das gleiche Recht haben mögen. Jeder trägt das gleiche Maß an Verantwortung. Richtig gute Führung zeichnen sich dadurch aus, dass man auch dem schwächsten Glied im Netzwerk die gleiche Wertschätzung entgegenbringt wie dem stärksten und dabei die Notwendigkeit des Ganzen nicht in Frage stellt. Es ist auch das Anerkennen von Abhängigkeiten, von Reflexionen und einer zeitlich und thematisch variierenden Hermetik.

Sinngemäß meinte Herbert von Karajan, er gäbe seinem Orchester die Freiheit, die es braucht, um das zu sein und zu tun, was er will. Und Franz Welser-Möst sagte im übertragenen Sinn, dass wahre Führung dann begänne, wenn die großen Worte enden, wo das Zwingende harmonisch wirkt und letztlich erfolgreich ist.

Das wären doch zwei Überlegungen, die es wert sind, bedacht und – vielleicht – auch mal umgesetzt zu werden. Mir geht als Schriftstellerin mit meinem Team übrigens immer wieder sehr ähnlich.

Bleiben Sie mir gewogen. Ihre Andrea Riemer.

 

Zu Andrea Riemer: https://www.andrea-riemer.de/

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