Riemers CulTour #27: Gibt es Erfolgskriterien für KünstlerInnen im Team: Der Blick von oben

Ich habe in den letzten drei Kolumnen über die Rolle der KünstlerInnen im Team einiger meine Gedanken mit Ihnen geteilt. Es gäbe natürlich noch mehr zu schreiben. Mir ging es jedoch um Inspiration und nicht um eine erschöpfende Darstellung. Die gibt es auch nicht aus meiner Sicht. Ich wollte zeigen, dass es auch für KünstlerInnen wesentlich ist, sich mit Fragen zu Führung und sich auch eigenverantwortlich führen zu lassen, auseinander zu setzen. Vieles läuft nach wie vor unbewusst, undiskutiert ab. Daher kommt es oft zu Befindlichkeiten und Verwerfungen. Setzte man sich zeitgerecht mit dem Themenkomplex Führung und Geführtwerden auseinander, dann müsste man bei der eigenen Persönlichkeit und bei den eigenen Bedürfnissen beginnen. Hier liegt jedoch schon der berühmte Hase im Pfeffer … und sorgt dann auch für gepfefferte Situationen mit reichlich Konfliktpotenzial. So manch tolles Projekt scheitert genau daran – obwohl dies nicht sein müsste, wenn man ein wenig mehr über sich selbst und über andere Bescheid wüsste.

Mir ging und geht es daher auch ums Sensibilisieren, habe ich doch neben dem Schreiben auch die Aufgabe, Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten. So kenne ich beide Seiten sehr gut und ich weiß um die Fallstricke, die sich dabei ergeben. Der Blick von oben war viele Jahre in meiner alten Aufgabe als Strategin meine Stammposition. Als Künstlerin und Beraterin kann ich mir aus dieser Erfahrung viel Wertvolles „herüberholen“ und adaptieren.

Daher gestatte ich mir, einen Blick von oben mit Ihnen zu teilen.

Zuerst mache ich einen Blick auf vier Wahrnehmungsebenen, die körperliche, die gedankliche, die seelische und die energetische Ebene, in denen wir alle eingebettet sind – als Mensch. Wesentlich ist, dass es nie ums Opponieren geht, d.h. um das Vermeiden von Zuständen; vielmehr geht es um die bewusste Komposition, die Gestaltung. Dabei begleiten Disziplin und Hingabe, das Erkennen, dass es eine absolute Realität nicht gibt und dass Vollkommenheit und Perfektion nicht dasselbe sind.

Zudem gibt es eine ganze Reihe von Prinzipien. In Resonanz sein ist ein erstrebenswerter Zustand. Nur, man muss sich im Klaren sein, dass das eigene Innen das eigene Außen produziert und nicht umgekehrt. Dabei fängt am besten bei sich an und vertraut darauf, dass die Manifestation im Außen erfolgt. Dabei ist er in zyklische Bewegungen und Entwicklungen eingebunden. So erkennt man, dass es den besten Zeitpunkt für sein Ansinnen gibt. Weder davor noch danach führen zum Ziel. Aus dem Bestreben nach Resonanz ergeben sich Ausgleich und Polarität. Keines kann ohne das andere erfahren werden, weil im Vakuum kein Fortschritt erfolgen kann. Diese Erkenntnis spart Energie, hilft den Fokus klar auszurichten und zu erschaffen. Zudem hilft das Wissen, dass man alleine mit seiner Existenz und Beobachtung sein Umfeld gestaltet. Es ist das Ineinanderfließen des scheinbar Getrennten.

Als Führende/r ist man SchöpferIn und nicht ausschließlich MacherIn. Führung ist ein alchimistischer, und damit gleichzeitig ein verbindender und trennender Prozess, der letztlich nicht aufhört, wenn man einmal drinnen ist. Er/sie ist ein/e ErmöglicherIn. Er/sie ermöglicht den Ausdruck des/der Einzelnen unter Wahrung des Gesamten. Freude dabei ist für alle ein wesentlicher Motivationsfaktor. Es geht daher nicht um das klassische Führung und managen. Beides sind zwei unterschiedliche Aspekte im Umgang mit dem Sein anderer Menschen. Management hat etwas mit Zahlen und Anweisungen zu tun. Wir managen sehr oft zu Tode und vergessen uns und unsere Mitmenschen, die wachen Augen, das Brennen im Herzen und den unbändigen Willen. Man lernt es üblicherweise schrittweise, durch große Neugier, durch Fehler und so genannte Rückschläge, die oft die größten Fortschritte im Lichte des Ganzen sind – vor allem lernt man es durch Erfahren.

Wesentlich ist das Verbinden zwischen mehreren Welten. Dieses Verbinden verlangt nach Fragenstellen, nach Zuhören und Konsultieren und es erfordert Instinktsicherheit. Dies verlangt nach dem Erkennen der unterschiedlichen Abholpunkte für alle Mitwirkenden. Und es verlangt auch zu erkennen, dass veröffentlichte Meinung und die öffentliche Meinung nicht ein– und dasselbe sind – und vor allem nicht notwendigerweise den Standpunkt des/der Führenden bilden müssen. Sie können ganz oder teilweise mit diesem deckungsgleich sein. Die Mischung aus Wissen und Intuition macht einen Teil des Kerns des Führens aus. Es ist die Kombination aus gleichzeitiger Disziplin und Leidenschaft, die gefragt ist. Rationales Begreifen ist erforderlich, um die Imagination, den Instinkt und die Intuition frei laufen lassen zu können. Es ist der Mut, den Weg des größten Widerstands zu wählen, indem man konsequent das Tempo geht, ohne vor Abruptheiten des Wechsels Angst zu haben. Es sind die Bereitschaft und Fähigkeit, dem was kommt, die Stirn zu bieten. Es ist das Entwickeln des eigenen Standpunktes, ohne dabei in eine Beliebigkeit zu verfallen. Oft muss man einige Umwege in Kauf nehmen, herum probieren, umstellen, wieder neu anordnen, tüchtig auch daneben greifen und dabei immer hoffen, dass er die richtige Spur findet und auch auf ihr bleiben kann. Es ist immer wieder das Ungeplante, das einen inspiriert und weiterbringt – fundiertes Handwerkzeug ist dafür die Prämisse – denn: Freiheit kann sich ohne Ordnung nicht entfalten. Dabei ist zu beachten, dass zu viel Kreativität gelegentlich im Chaos und Schmiss endet.

So ergibt es sich fast zwingen, dass man PionierIn ist, ohne dabei die Tradition zu vernachlässigen. Hinzu kommen, dass ein fundiertes Selbst- und Zeit-Management und ein kalkuliertes Risiko unter Berücksichtigung der Ökonomie der Kräfte wesentlich sind. Energie muss effizient eingesetzt werden. Man muss ein Grundgefühl haben, bis zu welchem Niveau man gehen kann, ohne sich selbst und seine MitarbeiterInnen organisatorisch und inhaltlich am Ende zu überfordern. Man muss das Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung beherrschen. Das betrifft auch Emotionen. Sie müssen kanalisiert und auch organisiert werden. Man muss Emotionen dann Raum und Zeit geben, wenn sie angemessen sind. Es ist das Wechselspiel von sich mutig anheimgeben und dabei die eigenen Grenzen zu wahren. Dann liegt man im Zentrum der Ökonomie der Kräfte. So groß der Wunsch nach Freiheit sein mag, sie liegt in der Ordnung begründet. Ordnung bedeutet nicht Unbeweglichkeit. Ökonomisch und organisch sind die Bewegungsabläufe, ohne große Showgebärde. Er/sie gibt sich dem Lauf und des Geschehens nicht selbstvergessen hin, taucht nie ab in eine andere Welt, in einen anderen Bewusstseinszustand. Hellste Wachheit signalisiert sein/ihr Körper, äußerste Kontrolle, Klarheit und Entschiedenheit, Übersicht und Sachlichkeit leiten ihn/sie. Dies heißt jedoch nicht, dass es in der Umsetzung von Ideen an expressiver Kraft mangelt. Es ist die Symbiose aus Emphase und analytischer Durchdringung, die für ihn/sie handlungsleitend während des gesamten Prozesses ist. Auch das bedeutet die Ökonomie der Kräfte.

Dafür braucht es immer wieder eine positive Selbstbeschränkung. Er/sie weiß, dass die allgemeine Forderung nach Ubiquität vermessen und letztlich unangemessen ist, weil er/sie auf diese Weise nicht mehr so in der Rolle sein kann, wie es die Sache verlangt. Eine positive Beschränkung im Sinne von Identität, nicht im Sinne von Vermarktung ist erstrebenswerter, als sich einem Vermarktungsirrsinn und einer Austauschbarkeit auszuliefern.

Ergänzend kommen eine penible Vorbereitung, kommunikative Fähigkeiten, die Bereitschaft sich auseinanderzusetzen und Anderem auch Raum zu geben, Gestik, Mimik und Zuhören in allen Phasen des künstlerische Kooperationsprozesses, handwerkliches Können und letztlich Mitmenschlichkeit und Mitgefühl in dosiertem Maß sind wesentliche Erfolgsbestandteile für gelungene Führung, gelungene künstlerische Projekte und Menschen, die auch bereit sind, ein weiteres Mal einer künstlerische Idee Leben einzuhauchen.

Schließen will ich mit Gedanken eines Dirigenten, der auch am Beginn dieser Serie stand:

Der Dirigent hat den Vorteil, dass er nur zuhören kann. Indes, es stimmt nicht ganz, denn die Bewegung, das Taktschlagen, das Animieren lenkt durchaus ab. Dennoch, er hat keine eigene Stimme, er kann alles im gleichen Abstand wahrnehmen. Seine Aufgabe: es ins Gleichgewicht zu bringen, das richtige Tempo zu finden, das Spiel im Fluss zu halten, zu lenken, weit in die Zukunft zu schauen, gleichzeitig in das Vergangene zu hören, immer zu wissen, an welcher Stelle sich das Stück befindet und wie weit es noch ist. Er muss in jeder Faser des Stückes sein, in jeder kleinsten Nebenstimme. Er muss alles kennen. Den Spielern immer einen Schritt voraus. Ein hoher Anspruch. Dem zu entsprechen braucht viel Zeit, Erfahrung und Geduld. Es kann Jahre dauern, bis man soweit ist.“ (Ingo Metzmacher: Keine Angst vor neuen Tönen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2006, S. 180).

 

Bleiben Sie mir gewogen.

Ihre Andrea Riemer

 

Zu Andrea Riemer: https://www.andrea-riemer.de/

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